Dienstag, 27. Oktober 2009

Über Mentalität und Zeit

Die Zeit kriecht. Vor meiner Abreise wurde mir mehrfach versichert, dass drei Monate vorbeirauschen, doch im Moment kommt mir jeder Tag wie eine ganze Woche vor.
Ich vermute, dass das hauptsächlich augrund von zwei Dingen so ist.
Ich befinde mich noch in meiner Anfangsphase und jede Taxifahrt ist noch ein kleines Abenteuer. Ich sehe so viele neue Dinge, sehe so viele neue Gesichter, dass mir die Tage einfach ungeheuerlich lang erscheinen.
Auf der anderen Seite liegt es bestimmt auch an meiner Arbeit hier vor Ort. Ich habe sie mir ein wenig anders vorgestellt, ein wenig aktiver. Doch momentan habe ich nichts zu tun und langweile mich unter der Woche. Überall sind versteckte Sackgassen, die uns hindern.
Da wäre das nicht funktionierende Internet, das wir nicht reparieren können, weil es keinen Telefonanschluss gibt. Wegen des Telefonanschlusses können wir keine Busse für die Camps im Dezember buchen und weil wir die Busse nicht buchen können, steht unsere Planung still, weil wir so keine feste Teilnehmerzahl berechnen können.
Die Kinder wollen mit Bällen spielen, Dinge malen, Seil springen, doch der Schlüssel zum Raum mit den Spielsachen ist weg. Um den Raum zu öffnen bräuchte man einen Schlosser, doch der muss angerufen werden. Doch womit?
Mit Sicherheit hätte man diese Kettenreaktionen verhindern können und mit noch größerer Sicherheit gibt es einen Ausweg, aber momentan sitzen wir 6 Stunden täglich im Büro und warten auf etwas, das ich nicht beurteilen kann.

Einige Sachen haben jedoch nichts damit zu tun, dass Dinge nicht funktionieren. Jeden Tag kommen nach der Schule für zwei Stunden Kinder zu Youth Alive Ministries. Sie kommen her, um einfach nur zu spielen. Allerdings sollen aber auch jeden Tag Aktivitäten stattfinden, die von den Teamern vorbereitet und geleitet werden. Bisher wurde noch keine einzige Tätigkeit vorbereitet und ausgeübt. Die Kinder merken nichts davon, sie spielen trotzdem vergnügt und werden von uns beaufsichtigt. Wann immer ein Kind weint oder Hilfe braucht, die Teamer sind zur Stelle. Ich würde mich allerdings mehr wünschen, ein bisschen mehr Interaktion.

Ich habe mir mittlerweile meine eigene Arbeit gesucht und erstelle ein Handbuch mit Kinderspielen, die ich von meiner Arbeit und der Schulzeit in Deutschland kenne. Bunt illustriert mit ausführlichen Beschreibungen, auf Englisch natürlich. Ich bin fast fertig und anstatt mich zu freuen, habe ich Angst davor wieder vor dem Nichtstun zu stehen.
In den ersten Tagen habe ich unheimlich viel wissen wollen über das Land, die Strukturen und über Personen an sich. Doch das Interesse ebbt allmählich ab, weil der neue Input fehlt, weil man so wenig Neues sieht. Mir wurde versichert, dass kurz vor den Camps die Arbeit wieder anschwillt, ich solle meine Ruhezeit genießen. Doch irgendwie kann ich diese Ruhe nicht richtig wertschätzen? Ich bin doch hier, um zu lernen, irgendwie auch, um mit anzupacken. Ich wurde schon mehrfach als Workaholic bezeichnet, obwohl ich mich nur erkundige, ob es etwas gibt, das ich machen kann.
Die Lektion der „laissez-faire“ Mentalität habe ich bereits erlebt. Lasst uns übergehen zum nächsten Kapitel!
Vielleicht noch eine kurze Erläuterung zu den Camps, die ich erwähnt habe. Im Dezember werden zwei jeweils einwöchige Camps außerhalb Johannesburg stattfinden. Das eine ist für jüngere, das andere für ältere Mitglieder von Youth Alive Ministries. Ich werde an beiden Camps teilnehmen, allerdings nicht als normaler Teilnehmer, sondern als Betreuer. Dazu gehört auch die Aufbereitung der Aktivitäten und Themenkomplexe. Das erste Camp wird in der zweiten Dezemberwoche, das zweite Camp über Neujahr stattfinden. Auf diese Aktivitäten arbeite ich hin, da erhoffe ich mich ein bisschen mehr praktische Arbeit und Einblick in die Arbeit hier vor Ort.
Wobei ich sagen muss, dass Wochenenden hier absolut anders sind als die Arbeit im Büro, die ich oben beschrieben habe. Samstags und sonntags gibt es jeweils Workshops und Diskussionen, die je zwei Stunden dauern. Samstags für die Jüngeren, tags darauf für die Älteren. Da wird praktisch gearbeitet, diskutiert, ergebnisorientiert betrachtet. Das ist gut und gefällt mir! Zuhören bringt dort Spaß. Einige Aussagen sind strittig und regen zur Diskussion an. Allerdings würde ich mir für einige Teamleader ein wenig mehr Wissen bezüglich Moderation wünschen. Einige sind so unsicher, dass sie die Themenkomplexe nicht übermitteln können.
Aber wahrscheinlich erwarte ich einfach zu viel. Hier gibt es keine Kurse oder Ausbildungen im Themenbereich Leadership. Alles, was diese Kinder und Jugendliche machen, haben sie sich selbst beigebracht. Sie werden nicht von studierten Pädagogen betreut, sondern von anderen Jugendlichen, die einfach älter sind als sie. Viele von ihnen in der Wirtschaftsbranche tätig. Dafür machen sie wirklich eine gute Arbeit!
Es könnte alles noch ein wenig runder laufen, ein wenig gesteuerter. Nun ist die Frage: Möchte ich das, weil ich so sozialisiert wurde oder weil es der bessere Weg ist? Vielleicht kann man deutsche Kinder auch einfach nicht mit südafrikanischen Kindern vergleichen? Ich weiß es nicht, ich vermute nur.
Im Moment muss ich mich beinahe zwangsweise zurücknehmen. Ich würde gerne mithelfen bei den Programmen am Wochenende, bei der Hausaufgabenbetreuung der Kleinen, allerdings ist das zum einen aufgrund von mangelnden Sprachkenntnissen nicht möglich, auf der anderen Seite will ich nichts überstürzen, sondern erst einmal beobachten und abwarten.

Mein Austauschprogramm heißt nicht umsonst „Der Andere Blick“ und nicht „Umstülpung der anderen Welt“.

Um von der Arbeit zum Privatleben überzuleiten, so wurde ich ein wenig desillusioniert. Das Familienleben, von dem ich so viel gehört habe, ist in meinem Fall ein wenig anders organisiert. Meine Familie, die nur aus meinem „Papi“, meiner „Mami“ und meiner „Schwester“ besteht, interagiert leider kaum miteinander.
Noch niemals habe ich gesehen, dass jemand den anderen umarmt, geschweige denn ein Küsschen gibt. Es gibt drei Fernseher im Haus. Die Mutter sieht fern in ihrem Schlafzimmer, der Vater sieht fern in der Speisekammer und Thabile und ich sehen fern im Wohnzimmer. Ich mag nicht so gerne fernsehen, auch nicht zu Hause. Aber hier gibt es kaum eine andere Beschäftigung. Die Fernseher laufen immer. Und kaum sind wir zu Hause, wird sich davor gesetzt. Mittlerweile weigere ich mich dagegen, ziehe mich zurück, lese ein Buch, höre Musik, schreibe Tagebuch, male sinnlose Dinge. Ganz einfach, um der Pflicht des Fernsehers zu entgehen. Ich habe so einiges auf mich zukommen sehen, was mir Probleme bereitet, aber hiermit hatte ich nicht gerechnet. Allerdings sollte ich mich glücklich schätzen, dass es nur ein Fernseher ist. Abgesehen davon kann ich nämlich von keinerlei Problemen im häuslichen Bereich sprechen.
Was ich jedoch ein wenig seltsam finde, ist, dass in der gesamten Zeit, in der ich nun hier bin, noch kein einziges Mal gekocht wurde. Wir hatten noch Reste von der Hochzeit, die sich jeder einzeln in der Mikrowelle warm gemacht hat.
Seitdem die Reste alle sind, ernähren wir uns von Cornflakes und Milch, Toast, Keksen oder Junkfood. Wenn ich von Junkfood rede, dann denkt der größte Teil wahrscheinlich an Burger oder Chickenwings, aber es ist etwas spezieller. Alle drei Tage aßen wir bisher so etwas wie den südafrikanischen Döner, namentlich Kota. Es ist ein Stück Weißbrot, vielleicht so groß wie eine Männerfaust, darin liegt ein (!) Salatblatt, getränkt in einer sauren und salzigen Mangosauce. Darin Pommes. Eine fettige u-hellgelbe Kartoffelbreimasse. Gekrönt wird diese Komposition durch eine „Russische Wurst“. Falls jemand weiß, was es ist, sagt es mit nicht. Ich will es noch gar nicht wissen. Vielleicht findet ihr ja ein Bild bei Google. Ich sage euch, das toppt alles, was man bisher über ungesunde Ernährung gelernt hat. Der Geschmack ist recht eigenwillig, aber je öfter man Kota isst, desto besser schmeckt es.
Noch niemals in meinem Leben habe ich Bewegung vermisst. Aber irgendwie ist jetzt der Zeitpunkt gekommen. Mittlerweile packe ich meinen Rucksack voll mit Dingen, die ich nicht brauche, nur, um Anstrengung zu spüren. Hättet mir das jemand vor einem halben Jahr gesagt, ich hätte ihn ausgelacht.
Aber diese neue Art von Ernährung fordert nun einmal ihren Tribut!

Oft werde ich gefragt „Wie gefällt dir Soweto bisher?“ Meine Antwort ist immer die gleiche. „Es ist anders als Deutschland.“
Was ich überhaupt nicht vermisse und unheimlich genieße, ist die Tatsache, dass mich bisher noch niemand aufgerufen hat, mich zu beeilen. Noch kein einziges Mal war ich bisher unter Zeitdruck, weil es einfach niemand hier ist. Diese Erfahrung sollte jeder Mal gemacht haben. Und ich meine damit total. Selbst an einem Urlaubstag hat man manchmal Angst davor, den Bus zu verpassen, weil man verabredet ist. Hier war es bisher ganz anders und es ist wunderbar, wenn auch gewöhnungsbedürftig, weil ich mich immer wieder dabei erwische, wie ich auf meine Armbanduhr schiele.
Ich will nicht sagen, dass Unpünktlichkeit eine Tugend ist. Ich will darauf hinweisen, dass es einem innere Ruhe gibt, wenn man sich auf die Gegenwart, nicht auf die Zukunft konzentriert.
Diese Erkenntnis habe ich bisher mit meinem Kopf gemacht, nicht wirklich mit meinem Herzen. Sonst würde ich mich wohl nicht über mangelnde Arbeit beklagen. Aber wenigstens lerne ich wertzuschätzen, was einem diese Ruhe gibt.
Außerdem mag ich das Team der Jugendlichen von YAM sehr gerne. Viele sind aufgeschlossen und arbeiten mit mir, wenn wir Gruppenaufgaben haben. Sie sind sehr interessiert und haben keine Scheu, da viele von ihnen schon selbst in Deutschland waren.
Youth Alive Ministries hat einige Partnerschaften in Wuppertal und Hamburg. Dadurch kennen einige Jugendliche meinen Hintergrund und wissen, woher ihr Gast kommt.
Freunde sind das natürlich nicht, dazu ist es noch zu früh, aber ich bin da recht zuversichtlich!

Bezüglich Heimweh und sonstigen Dingen habe ich manchmal kleine Durchhänger. Da gibt es Stunden, da weine ich, wenn ich an die Namen denke. An anderen Tagen fühle ich mich unheimlich frei und betrachte die Situation ein wenig mehr von außen, als von innen. Da schaue ich raus auf die Straße und bin nur glücklich, mitten in einem Abenteuer zu stecken, an das ich mich noch Jahre erinnern kann!

Ich wünsche mir, dass ich hier noch ein wenig mehr aufblühe und sicherer werde – im Umgang mit den vielen neuen Menschen, die ich hier kennen gelernt habe, allerdings auch bezüglich der Sprache und den Sitten.
Mal sehen, vielleicht beginnt das alles ja schon morgen. Oder übermorgen?

Warten wir’s einfach ab.

3 Kommentare:

  1. Liebe Lauriene es treffen zwei Welten aufeinander,
    unser straf oranisierte und die leichtfüssige aber
    trotz allem Tatendrang und Ideen die einem im Kopf
    vorgehen bedenke Rom wurde auch nicht an einem Tag
    erbaut.Vertraue deinem Denken und deiner Kreativen
    geschick,Bilderund vieles mehr aus deiner Jugend
    kannst du hilfreich umsetzen.Bewegung:) Seilspringen,Liegestütze,das Spiel:)Himmel und Hölle unw.Kopf hoch das beste machen und sich nicht ausschliesen.Englich kann man auch beim
    Fernsehen lernen:) Good luck and 1001 Kisses
    your Daddy

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  2. Heyho!
    Wie sieht es adresstechnisch aus? Dann kann ich dir ja mal schreiben, wie busy ein Leben sein kann- meins zum Beispiel :-)
    Alles Liebe, meine Liebe, Emily

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  3. Hey Lauriene,

    ich fine deine Beiträge total super, vielleicht solletst du sie am Ende alles in einer Art Buch drucken lassen. Auch wenn die BEiträge lang sind und persöhnlich, ist es überhaupt nicht langweilig. Ich verstehe dich total gut (zumindest glaube ich das) und mir würde es bestimmt ähnlich gehen wie dir!

    Ich bin gespannt ob du irgendwann ein Antowrt auf die Frage "Ist unser Lebenstil der bessere oder sind wir ihn nur gewöhnt?" und ähnliche Fragen hast!!

    Ich arbeite immer noch am Film und merke es ist SEHR viel Arbeit, also kann ich da nicht klagen.. Nur dass ich immer nur an den Sachen arbeite, ich ich selbt inetressant finde und nciht zum beispiel an sachen für bio/ englisch, die ich eigentlich machen sollte :-)

    Naja, ich freue mich auf deinen nächsten Beitrag, verlier nicht die Motivation, sondern such nach Chancen in dem Lebensstil deienr Leute und amch was draus ;-)

    ich hab dich lieb,

    wiebke

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