Im Allgemeinen kann ich nur wieder betonen, was für eine bereichernde Erfahrung das hier
für mich ist. Natürlich vermisse ich auch mein zu Hause, die Menschen in Deutschland, die mir nahe stehen, aber dieses Vermissen ist überhaupt nicht schmerzvoll! Es ist eher das Gefühl, dass es noch ein anderes Leben gibt, aber im Moment möchte ich unter keinen Umständen mein hiesiges Verlassen!
Auch wenn es seltsam klingen mag, ich beginne diesen Platz als Heimat zu verstehen.
Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich ist, vor allem nicht nach so kurzer Zeit. Ich dachte, ich sei immer ein Gast hier, bis ich wieder abreise, aber in der letzten Woche hatte ich ein ausschlaggebendes Erlebnis, das zu diesem vorübergehenden inneren Wandel führte.
Von meinem Austausch mit der schülerInnenkammer hamburg und dem Student Council of Johannesburg kenne ich einige Jugendliche aus privilegierten Haushalten. Letztes Wochenende hatte ich die Möglichkeit, bei Ayla zu übernachten - ein weißes Mädchen.
Im ersten Moment war ich glücklich und konnte es kaum erwarten, etwas anderes außer Soweto zu sehen. Sie wohnt weit entfernt von meiner Wohngegend, mit dem Taxi und jeder Menge Verkehr auf den Straßen braucht man ca. 3 ½ Stunden von Tür zu Tür.
Doch sobald mich Mutter und Tochter in Empfang genommen hatten und begannen, mir Fragen voller Vorurteile zu stellen, habe ich mich unwohl gefühlt. Ob ich mich denn sicher fühlte, ob es nicht belastend sei, mit dem Taxi zu fahren, ob ich mein eigenes Zimmer hätte, ob ich Pap (afrikanischer Maisbrei) essen müsse… die Liste war endlos.
Ich versuchte sie davon zu überzeugen, dass ich mich wohl fühle. Dass es anders sei, aber ich mich gerade einfinde. Dass ich lerne, mit all dem um mich herum umzugehen. Die Reaktionen waren eher unglaubwürdig. Ich fühlte mich ein wenig wie ein Kind, zu dem gesagt wird: „Na ja, zumindest hast du es mal versucht. Man kann die Welt eben nicht ändern. Sei tapfer, bald bist du wieder zu Hause.“
Am Abend besuchten wir einen Freund von Ayla. Anstatt mir nur Fragen zu stellen, haben seine Eltern mich mit schockierenden Fakten bombardiert.
Schwarze seien faul, Schwarze seien Schmarotzer, Schwarze würden die südafrikanische Wirtschaft am Wachstum hindern, Schwarze müssten mehr Steuern zahlen.
Mir ging es schlecht und ich fühlte mich hilflos. Dieser Mann griff meine Gastfamilie und die Menschen an, mit denen ich zusammenarbeitete. Ich beschloss, ausschließlich zuzuhören, anstatt eine Diskussion anzufangen. Dazu wäre ich einerseits gar nicht in der Lage, weil ich nur ein Gast in diesem Land bin, zum anderen ist es nun einmal seine Ansicht, dass, wie er selbst sagte, die Apartheid das bessere Regierungssystem sei. Auch wenn ich es nicht will und es mir weh tut, ich muss es wohl respektieren.
Irgendwann fing der Vater, der vor 10 Jahren mal in Deutschland gearbeitet hab an, über die rassistischen Attacken der Westdeutschen gegenüber den Ostdeutschen zu sprechen. Weil dies eine Sache war, die ich definitiv beurteilen konnte, wollte ich ihm vor Augen führen, dass das nicht mehr so ist, wie es mal war und dieser West-Ost-Konflikt in meiner Generation überhaupt kein Problem mehr ist. Allerdings stritt er das ab und ich beschloss, nicht mehr zuzuhören, weil ich zu wütend war.
Ich verließ den Raum, indem ich mich für das stille Wasser bedankte. Mehr habe ich nicht herausbekommen, ich war bestürzt.
Ayla entschuldigte sich aufrichtig für diese Aussagen. Sie betonte mehrfach, dass sie diesen Mann nicht kenne und sie selbst beinahe eingegriffen hätte, als sie bemerkt habe, wie er mich zu überzeugen versuchte.
Ich war erleichtert, als Ayla mit klar machte, dass ich nicht die Einzige im Raum war, die sich bei diesen Aussagen unwohl fühlte.
Es ging ganz normal weiter. Wir trafen uns mit einigen weißen Jugendlichen, haben aber nichts Besonderes gemacht. Es war ein wenig langweilig, es gab nicht viel zu lachen, nicht viel zu reden, nichts zu entdecken. Alles war in einer seltsamen Art und Weise abgeklärt. Das erinnerte mich an manche Jugendliche in Hamburg, die sich betrinken müssen, um irgendeine Art von Spaß zu verspüren. Nein, das wollte ich alles nicht.
Etwas sehr seltsames passierte mit mir. Ich sehnte mich zurück nach Soweto, sehnte mich nach einen netten Abend mit den Mitgliedern von Youth Alive, mit denen es bisher immer etwas zu bereden gab.
Es gab Momente, da habe ich mich nicht zu den Schwarzen in meiner Umgebung dazugehörig gefühlt, weil sie so ein anderes Temperament haben, über so andere Dinge lachen. Nun fühlte ich mich nicht zu dieser Gruppe von Weißen dazugehörig, weil sie an diesem Abend so unterkühlt beieinander saßen.
Ich war kurzzeitig wohnhaft zwischen den beiden Welten, ein wenig einsam und verloren.
Und die zwei Welten, die ich meine, sind nicht durch Hautfarben, sondern durch Geschichten und Wurzeln bestimmt, durch die sie geprägt wurden.
Sobald ich wieder mit Thabile zusammen war, hat sich dieses Gefühl des Dazwischen Seins in Luft aufgelöst und ist bisher auch nicht wiedergekommen. Ich fühlte mich definitiv nicht wie eine Schwarze, wie auch, aber dennoch ging es mir besser, als wir wieder im Taxi nach Soweto saßen und ich ihr von meinen Erlebnissen erzählte.
Doch es gibt mehr zu berichten, als ein lehrreiches Zusammentreffen zweier Welten.
Ein Thema, das hier vor Ort nicht zu umgehen ist, ist die Religion und die Bedeutung der Kirche.
Mein Vater vor Ort ist ein Priester. Jedem Mittwochabend haben wir einen Bibelkreis im Wohnzimmer, an dem hauptsächlich gepredigt wird. Sonntags findet dann die eigentliche Kirche statt. Auch im Wohnzimmer. Kirche darf man dabei nicht ganz so wörtlich nehmen. Es sitzen maximal 10 Leute aus der Nachbarschaft vor einem Tisch mit einer Bibel. Es wird ein wenig gesungen, zudem gebetet und gepredigt. Was mir ganz besonders aufgefallen ist, ist dass jeder seine eigene Bibel mitbringt. Einige in Zulu, andere in Sotho, manchmal auch in Englisch. Wenn gebetet wird, dann ist es nicht wie in Deutschland, wo jeder seine Lippen bewegt und sich das Gebet im Inneren abspielt. Wird hier gebetet, dann rufen die Leute ihre Anliegen und Danksagungen aus. Es ist ein einziges Stimmengewirr. Im ersten Moment war das etwas verwunderlich, aber bald darauf fühlte es sich gut an, weil das wirklich eine Gemeinschaft schafft.
Was mir an der Kirche hier nicht so sehr gefällt, ist das Wort „Gehorsam“. Man hört es jeden Sonntag, jeden Mittwoch, in mehrfacher Ausführung. Und dass nicht in einer normalen Lautstärke, sondern so laut, dass ich mir manchmal wünsche, die Ohren zuzuhalten – einfach aus dem Grund, dass es geschrieen wird. Es wird betont, dass wir Gottes Diener sind und ihm zu gehorchen haben. Ich persönlich finde die Vorstellung nicht so schön, aber allgemein ist die Glaubensart hier etwas anders als in Deutschland.
Es wird wesentlich weniger auf Wissenschaften wert gelegt, weil Gott die Antworten gibt. Als ich privat etwas über die Inhalte meines Biologie Leistungskurses erzählt habe und es zu den Themen Evolution und Genetik kam, musste ich ein wenig aufpassen, nicht zu angreifend zu wirken. Die Schöpfungsgeschichte hat hier einen ganz anderen Stellenwert. Im Moment ist es für mich eher interessant als aneckend. Ich störe mich nicht daran, dass die Mehrheit der Leute hier ein wenig anders darüber denkt. Ich versuche einfach, diesen Bereich zu vermeiden. Er führt zu Diskussionen, in denen es kein falsch oder richtig gibt und die darum sehr anstrengend sein können. Sobald ich allerdings bemerke, dass jemand Interesse an einem Austausch hat und nicht nur versucht, mich zu bekehren, wie ich hier schon manchmal die Erfahrung gemacht habe, dann bin ich sehr aufgeschlossen.
Zum Schluss eine Sache, die mich sehr freut. Ich mache ab sofort Sport! Durch Zufall sind Thabile und ich auf das Gesprächsthema gestoßen und sie hat mich gefragt, ob ich mal mit ihr zum Gym gehen will. Ich dachte im ersten Moment an ein Fitness-Studio, ab tatsächlich ist das Gym ein großer Raum, eigentlich ein Kindergarten, in dem 50 Leute für eine Stunde Aerobic machen.
Es bringt wirklich Spaß, den Körper ein wenig in Schwung zu bringen und mal wieder zu schwitzen, weil man sich anstrengt. In den ersten Minuten wurden meine Gesichtszüge durch ein Dauerlächeln bestimmt, weil es großartig ist!
Das erste Mal kam ich mir ein wenig seltsam vor, weil ich bezüglich der Hautfarbe schon raussteche. Aber die Leute stören sich nicht wirklich daran und nach der ersten Verwunderung werde ich nett begrüßt und bei Abwesenheit vermisst. Thabile und ich gehen da jetzt vier Mal wöchentlich hin und es ist jedes Mal wieder ein Highlight des Tages. Manchmal könnten wir glatt noch eine weitere Stunde trainieren, aber spätestens wenn wir uns dann aufs Sofa gesetzt haben, um unseren Tag zu reflektieren, denken wir beide nur nach einen einen ruhigen Heiße-Schokolade-Abend.

Hallo Lauriene ist schön zu lesen das es dir mit der Zeit die jetzt verstrichen ist immer leichter
AntwortenLöschenfällt dich geborgen zu füllen,es ist das Gefühl
als würde ein Sonnenstrahl einen dunklen Raum
erhellen ich freue mich sehr über diese Meinung
und bin der sicher es wird dir noch leichter fallen allem was dir im Weg steht positiv zusehen
Mach weiter so ich bin sehr stolz auf dich mein
Goldstern in der Fremde LG Dein Papi
Hey Lauriene,
AntwortenLöschenich glaube mich bereichert das auch deine Beträge zu lesen :-) total spannend, wie egsgat du solletst ein buch draus machen ;-)
Ich bin grad am planen wo ich nachm Abi hin gehe, vllt auch in eine Familie in Ghana, aber das ist bis jetzt alles nur Idee ...
Ich glaube du machst grade den Satz "Sei du selbst die VERänderung, die du dir wünscht für diese Welt " wahr.. Alles gute,
hab dich lieb, Wiebke
Hallo Lauriene,
AntwortenLöschenIch lese sehr gerne deine Berichte. Du schreibst sehr anschaulich.Danke das du mich auf diese Weise in deine "etwas andere Welt" mitnimmst.Ich freue mich auf weitere Komentare.
Liebe Grüße von deiner MAMA
ach lauriene ich bin es mal wider:)
AntwortenLöschendeine texte sind so schön!!!
an manchen stellen sind mir die tränen gekommen!
kussiiiiii sonja
Dieser Text hat mich wirklich berührt.
AntwortenLöschenIch glaube, ich hab deinen Blog zum richtigen Zeitpunkt für mich gefunden...
Natalya