Auf meinen Wunsch hin habe ich mit meinem Mentor abgesprochen, dass ich ab sofort viele Möglichkeiten habe, bei anderen Leuten von Youth Alive zu übernachten, um einen Einblick in andere Lebensweisen, Kulturen und Traditionen zu bekommen.
Dieses Wochenende war ich bei Refentse, einem 22-jährigen Mädchen, das seit Jahren ein Mitglied von YAM ist und gerade vor einigen Wochen in Deutschland war.
Sie lebt in einer ganz anderen Art und Weise, als es mir bisher bekannt war. Ihre Familie, bestehend aus Mutter, Vater, zwei Brüdern und einer Schwester lebt in einem kleinen Haus mit Anbau in Meadowlands, Soweto. Hier gibt es kein warmes Wasser, keine Badewanne oder Dusche, dafür aber einen Raum mit vielen Gläsern, in denen Kräuter, Pulver und Wurzeln aufbewahrt werden, doch dazu später.
Als ich das Grundstück betrat, wurde ich von vielen lächelnden Gesichtern begrüßt und, wie es mir bei den Vorbereitungsseminaren prophezeit wurde, es wurden Unmengen an Essen aufgetischt. Unter anderem auch wieder Magen und Maisbrei, diesmal unglaublich lecker und gut gewürzt, ganz im Gegensatz zu meiner ersten Erfahrung. Insbesondere die Gastmutter hat mich herzlich aufgenommen und mir sogleich nach dem Essen ihren speziellen Raum gezeigt. Sie ist eine traditionelle Heilerin und hat zu meinem Erstaunen ihre verstorbenen Verwandten gerufen, um mich für die Zeit in ihrem haus zu beschützen. Dafür legte sie eine bestimmte Zusammensetzung von verschiedenen Kräutern in eine Schüssel und verbrannte sie langsam. Es penetranter Duft umgab uns beide im Raum, als sie begann zu klatschen, sich auf einem Fell hin und her zu wiegen und ein Lied anzustimmen. Nach fünf Minuten war die Prozedur zu Ende, die Vorfahren über meine Ankunft informiert und sie bat mich darum, alles zu fragen, was ich über das traditionelle Heilen wissen wollte. Auf diesem Weg erfuhr ich, dass Menschen geheilt werden, indem an bestimmten Stellen die Haut geritzt wird, um danach Kräuter in das Fleisch einzureiben. Wenn die Person von bösen Geistern verfolgt wird, so kommen mehrere Heiler aus der Umgebung zusammen, weil es mehr Vorfahren braucht, um die Person durch Handauflegen und Beschwörungen zu heilen. Sind die bösen Geister besonders hartnäckig, so muss eine Ziege geschlachtet und der Besessene mit dem Blut balsamiert werden. Möchte eine Person ihre Zukunft wissen, so werden Knochen benutzt, die in einem kleinen Ledersack aufbewahrt werden. Und selbst wenn jemand seinen Schlüssel verloren hat, so können traditionelle Heiler durch Träume herausfinden, wo der Schlüssel liegt.
Sehr oft betonte meine Gastmutter, sie heile nicht selbst, sondern diene nur als Medium, durch das ihre Vorfahren sprechen. Als sie 12 war, hat sie durch Träume und Visionen von dieser Gabe erfahren und muss dieser Berufung nun nachgehen, da die Vorfahren sie sonst verfolgen würden. Doch es gibt nicht nur gute Heiler. Immer wieder versuchen Hexen aus der Nachbarschaft, ihre Gabe zu stehlen und sie erzählte, es sei mühsam, jeden Tag mit diesen schlechten Menschen im Geiste zu kämpfen.
Sie hat mir noch wesentlich mehr erzählt, mir ihre Tänze vorgeführt, ihre Tracht angezogen und getrommelt. Ich war beeindruckt von dieser ganz neuen Erfahrung und hätte nicht erwartet, dass es überhaupt noch solche Heiler in Soweto gibt.
Nach einer kurzen Nacht, weil ich so lange mit Refentse über meinen Aufenthalt, über Deutschland und Südafrika gesprochen habe, begann der Samstag mit einem Meeting bei Youth Alive. Alle Leader kamen zusammen, um die Programme der letzten Wochen auszuwerten und zu diskutieren, was verbessert werden kann. Außerdem sollten nun auch die Camps geplant und die Zuständigkeiten hierfür verteilt werden.
Ich war erstaunt, wie gut und reibungslos die Arbeit funktionierte, ganz ohne Erwachsene, ganz ohne Druck von oben. Es gab zwar einen Gesprächsführer, der die Diskussionen leitete, aber abgesehen davon haben die 30 Jugendlichen alles unter sich geklärt. Nichts ist übrig geblieben von der fahrigen Arbeitshaltung, die ich so oft im Büro erlebt habe. Beinahe alle haben konzentriert und ergebnisorientiert mitgearbeitet, wenn auch die Methodik manchmal etwas besser hätte sein können. So wurde zum Beispiel viel Hilfreiches und Kritisches gesagt, aber niemand schrieb ein Protokoll oder zumindest Stichworte mit, sodass man sich auch vier Wochen später an diesem Meeting orientieren kann. Im Nachhinein habe ich darüber mit Thabile gesprochen und sie möchte einige meiner Verbesserungsvorschläge beim nächsten Meeting umsetzen.
Nach sechs Stunden war das Meeting beendet und die meisten erschöpft vom Denken, der Hitze und der Verantwortung, die ihnen für die Camps zugeschrieben wurde.
Bereits am 14. Dezember wird das Camp für die Kleinen starten, zwei Wochen darauf beginnt dann die wirklich harte Arbeit, wenn wir mit den Jugendlichen wegfahren. Mir wurde gesagt, dass die Kleinen schnell und leicht zufrieden gestellt werden können, indem sie ein Spiel spielen oder Handarbeiten machen. Die Jugendlichen üben mehr Kritik am Programm und wünschen sich nicht nur Spaß, sondern wollen auch intellektuell gefordert werden.
Am Sonntag gingen Refentse und ich, wie jede Woche, zur Kirche, nur dass diesmal kein normaler Gottesdienst stattfand, dafür aber ein „Gogo-Special“ (Oma-Spezial). Dieser Gottesdienst war speziell den Großmüttern gewidmet und es gab eine Menge Aufführungen von Theater über Gesang und Tanz. Zwar war nichts davon in Englisch, aber trotzdem war es sehr unterhaltsam. Nach zweieinhalb Stunden Aufführungen begann der eigentliche Gottesdienst mit einer Predigt und zog sich dann noch weitere zwei Stunden hin. Doch nach dem Frieseurbesuch vor einigen Wochen kann mich kaum noch etwas erschüttern und somit waren auch diese viereinhalb Stunden Gottesdienst nicht gerade ein Höhepunkt, aber durchaus ertragbar und unterhaltsam. Zu meinem Erstaunen war ich nicht die einzige Weiße in der Kirche und so kam es, dass ich Hendrik kennen lernte. Hendrik ist nicht nur aus Deutschland, nicht nur aus Hamburg, er ist aus Sasel, wo meine alte Schule war. Wir fanden heraus, dass wir die gleichen Leute kennen und uns sogar davor schon einmal gesehen haben, was uns beide gefreut und gleichermaßen erschüttert hatte. Hendrik macht seinen Zivildienst in Orange Farm. Es war so seltsam für mich, Deutsch zu sprechen und auf einmal konnte ich mich mit jemanden austauschen, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Es war wie ein Stück Heimat in einem fremden Land.
Nach dem Gogo-Special mit einem überragenden Mittagessen in der Kirche verabschiedete ich mich von Hendrik, der demnächst seinen Heimweg antreten musste, und ging mit Refentse wie am Vortag zu Youth Alive. Diesmal nicht für ein Meeting, sondern den ganz normalen Club, wo wir diese Woche über HIV und AIDS sprachen, allerdings auf einer ganz anderen Ebene, als man es in Deutschland erwarten würde. Die meisten Jugendlichen bei YAM wissen, wie man sich ansteckt und wie man Ansteckung vermeiden kann. Sie wissen, wie hoch ein gewisser Index in ihrem Blut sein muss, damit sie Medikamente von der Regierung bekommen. Sie kennen die Zahlen und die Ursachen. Wir sprachen also eher über das Wertesystem in Südafrika, über Vergewaltigungen und Toleranz gegenüber HIV-Infizierten. Es war sehr interessant für mich zu hören, wie Jugendliche zu diesen Themen stehen und bedauerte es, als das Programm nach zwei Stunden vorbei war.
Gegen 19 Uhr erreichten Refentse und ich zum letzten Mal gemeinsam ihr Haus und sie zeigte mir den Familienhund, dem ich bisher keine Beachtung geschenkt habe. Man muss an dieser Stelle erwähnen, dass ich nicht gerade ein Hundefreund bin, aber dieses Tier tat mir wirklich Leid. Es hatte eine schmale Schneise von vielleicht sechs Quadratmetern hinter dem Haus als Lebensraum, Auslauf gab es nicht, zu Essen bekam er lediglich Reste und prinzipiell war er ein Wachhund, mit dem nicht sozial interagiert wurde. Aufgrund seines Platzes bekam er allgemein nur sehr selten andere Lebewesen zu sehen und als wir uns ihm näherten, ist er wie verrückt im Kreis gerannt. Er tat mir wirklich Leid, als ich ihn sah, ganz abgemagert, mit einem verkrusteten Ohr und vollkommen zerzausten Fell.
Unser letzter gemeinsamer Abend verlief ruhig. Es gab wieder in Festmahl, wir haben geredet, gelacht, verglichen und sind zu Bett gegangen.
Ich kann es kaum erwarten, nächstes Wochenende bei einer anderen Familie zu sein. Wahrscheinlich werde ich wieder auf eine Hochzeit gehen, diesmal nicht traditionell, sondern eine westliche Hochzeit. Und dann am Montag geht es schon auf zu den Camps, die mich einerseits ein wenig ängstigen, weil das eine ganz neue unbekannte Situation sein wird, auf der anderen Seite aber auch glücklich stimmen, weil ich so viele neue Erfahrungen machen werde.
Meine Arbeit hier ist übrigens noch immer wunderbar! Es gab einen kleinen Zwischenfall, weil der Schlüssel zur Bibliothek in der Bibliothek eingeschlossen war und es hier nicht so einfach ist, einen Schlosser anzurufen, der das Problem „mal eben“ löst, aber mittlerweile wollen Neo und ich so viele Dinge auf die Beine stellen, dass uns die Zeit wahrscheinlich nicht reichen wird. Leider. Im Allgemeinen vergeht die Zeit wie im Fluge, seitdem ich mit anpacken kann und die Camps nun in der Feinplanung sind. Es ist nicht zu vergleichen mit den ersten Wochen, die ich häufig damit verbracht habe, nicht zu wissen, was ich mit mir anfangen soll.
Wenn mit hier jemand noch Briefe schreiben möchte, dann schickt diese spätestens gegen Weihnachten ab. Mir wurde gesagt, dass die Post hier zur Festzeit wesentlich langsamer arbeitet und man auf jeden Fall mit drei Wochen für die Zustellung rechnen muss.
Zum Abschluss noch zwei Momentaufnahmen:
Am Gemüsestand liegen braune Steine im Pappkarton.
„Thabile, was ist das und wieso liegt es neben den Äpfeln?“
„Das ist Lehm. Manche Leute essen das hier roh.“
Im Taxi klebt ein Sticker direkt auf Augenhöhe.
„Fuck the rich – let the poor survive! “

Hallo Lauriene, endlich auch ein paar Zeilen von uns. Wir haben aber mit Interesse deine Erzählungen gelesen. Du schreibst so, dass man es sich bildlich vorstellen kann - super, mach weiter so. Es ist schön, dass dir die Arbeit gefällt. Mach' weiter so. Ganz liebe Grüße Angela und Michael
AntwortenLöschenHi, Lauriene,
AntwortenLöschenzwar war uns schon seit längerem bekannt, dass du dich derzeit im "Land des Regenbogens" aufhälst, jedoch wurden wir erst nach einem Kontakt per E-Mail von deinem Onkel Michael (dem Bruder deiner Mutter) darauf aufmerksam gemacht, dass du deine Erlebnisse in sehr anschaulicher Darstellung "ins Netz" stellst.
Somit hatten wir auch Gelegenheit, deine Berichte zu lesen.
Wir waren überaus beeindruckt, was du für Begegnungen hattest und Erfahrungen sammeln musstest/durftest.
Letztendlich hat uns deine Großmutter Helga, mit der wir bei einem Zusammentreffen selbstverständlich auch über deine derzeitige Tätigkeit sprachen, dazu ermuntert, auch ein paar Zeilen von uns an dich zu richten, was hiermit geschehen ist.
Hier in Hamburg sieht es wie immer kurz vor "dem Fest der Feste" aus:
Die Menschen rasen förmlich mit verzerrtem (vielleicht ist es auch nur sehr angespannt) Gesicht durch die Straßen und Kaufhäuser, weil sie offenbar nicht wissen, was sie ihren Lieben unter den Tannenbaum legen sollen.
Das scheint aus unserer Sicht insofern ein gutes Zeichen zu sein, als Geld für Geschenke - trotz der täglich in den Gazetten wiederholten "Wirtschaftskrise" - ja offenbar vorhanden sein muss.
Das sind sicherlich "Probleme", über die man sich in dem Land, in dem du dich jetzt befindest, allenfalls amüsieren kann.
Wir wünschen dir eine schöne Weihnachtszeit, einen guten "Rutsch" ins Jahr 2010 sowie, dass du dich weiterhin dort wohlfühlst und du nach Ende deines Aufenthaltes erfüllt von deinem Tun glücklich wieder hier anlandest.
Herzliche Grüße von
Mona und Gerd (Schwägerin bzw. Bruder deiner Oma Helga)
Hey Lauriene,
AntwortenLöschenIch lese immer noch gespannt deine Beiträge und es tut gut mal kurz Bilder von so weit weg vor Augen zu haben. ICh muss ehrlich sagen, ich vermisse dich :-)
gaaanz dolle umarmung,
Wiebke
Frohe Weihnachten und ein glückliches und gesundes neues Jahr wünschen dir,liebe Lauriene, von ganzem Herzen Sylvia und Jürgen :-)
AntwortenLöschenGenieße weiterhin deine Zeit dort und erlebe eine schöne Weihnacht in ganz anderer Kultur...sicher sehr spannend. Das wünsch ich dir und grüße dich ganz herzlich. Knutsch von mir und ne dicke Umarmung...
Liebe Lauriene,
AntwortenLöschenwir wünschen dir frohe und besinnliche Weihnachtstage und einen guten Rutsch in das neues Jahr. Genieße also die Zeit in einer ganz anderen Umgebung als hier in Deutschland, wo vor Weihnachten wie jedes Jahr Hektik und Stress verbreitet werden.
Laß dich umarmen.... liebe Grüße Angela und Michael