Ich bin wieder zu Hause, in Hamburg. Schon lange, seit 16 Tagen.
Die Wochen seit meinem letzten Blogeintrag im Dezember verliefen rasant und waren durchweg aufregend. Ich habe viel gemacht, viele Menschen besucht und keine freie Minute, um mich um den Blog zu kümmern. Nun, endlich, bekommt ihr den letzten Teil meiner Geschichte zu lesen.
Zwar ist es schwer für mich, einen detaillierten Eintrag zu schreiben, da viele Gefühle schon wieder verflogen sind, aber ich versuche so gut es geht die Höhepunkte meiner letzten Tage in Südafrika wiederzugeben.
(Um es mir und euch leichter zu machen, werde ich Zwischenüberschriften nutzen, um Inhalte besser zu kennzeichnen.)
Juniors & Astros Camp
In der Woche vom 14. – 20. Dezember stand das zugleich ersehnte und gefürchtete erste Camp an. 60 Kinder zwischen 4 und 13 Jahren (Astros ist die Bezeichnung für die jüngeren, Juniors für die älteren Kinder) sind unter der Aufsicht von 12 Jugendlichen Leitern, darunter ich selbst, zu einem Campingplatz in der Nähe von Pretoria gefahren.
Schon alleine die Busfahrt war ein einziges Abenteuer. Es gab nicht genügend Sitzplätze für alle und so hüpften die teilweise überdrehten Kinder vergnügt durch den Bus. Wir hatten Glück, den Busfahrer hat es nicht gestört und somit mussten wir nicht ganz so streng durchgreifen, obwohl ich mir gar nicht ausmalen mag, was alles hätte passieren können, wenn der Bus einen Unfall gehabt hätte.
Nach zwei Stunden Fahrt und eifrigen Namenlernens sind wir auf dem Campingplatz angekommen. Ich war überrascht, wie paradiesisch alles aussah. Wir wohnten nicht in einem großen Haus, wie ich das von meinen Unterstufen-Klassenfahrten kannte, sondern in kleinen, gemütlichen Bungalows mit Strohdächern. Überall war es grün, wir hatten große Spielwiesen und eine Halle für die Essensausgabe zur Verfügung. Auf dem Gelände befanden sich ein Pool und en Trampolin. Es war wesentlich besser, als ich es mit erträumt habe.
Zusammen mit drei anderen Leitern – alle jünger als ich und ebenfalls zum ersten Mal in einer Führungsrolle – war ich im Sportteam.
Unsere Aufgabe bestand darin, den Morgensport anzuleiten, die Spielzeit mit Aktivitäten zu füllen, in der Freizeit den Pool zu beaufsichtigen sowie das Abendprogramm zu planen und zu gestalten. Außerdem war ich, wie bereits in einem anderen Eintrag kurz erwähnt, für Handarbeiten zuständig.
Wenn man sich unseren Tagesplan anschaut wird recht schnell klar, dass wir beinahe komplett für den Inhalt des Camps verantwortlich waren.
5:30 Andacht für die Leiter
6:00 Frühsport
6:30 Andacht für die Kinder, durchgeführt mit dem Cabin-Leader
7:00 Waschen
8:00 Frühstück
9:00 Bibelkunde
10:15 Handarbeiten Astros
11:30 Spiele
13:00 Mittag
14:00 Handarbeiten Juniors
15:00 Freizeit/ Schwimmen
17:00 Vorbereitungszeit für Abendprogramm
18:00 Abendbrot
19:00 Abendprogramm
21:00 Lichter aus
Die anderen Leiter waren sogenannte „Cabin-Leader“, die Leiter eines Schlafraumes also. Sie mussten den gesamten Tag ein Auge auf ihre Kinder werfen und waren für deren Wohl verantwortlich. Cabin-Leader schliefen in den gleichen Räumen wie ihre Kinder, wohingegen das Sportteam ein eigenes Zimmer hatte. Im Grunde genommen der einzige Vorteil bei diesem Job.
Am Anfang kamen mir die Tage sehr lang vor. Es wurde so viel gemacht zu Zeiten, wo ich eigentlich noch geschlafen habe! Besonders hart war der Frühsport, weil man die Kleinen von einer Sache überzeugend musste, zu der man selbst keine Lust hatte. So was ist immer eine ganz schlechte Voraussetzung, wenn man etwas lehrt, in welchem Sinne auch immer.
Später ging die Zeit jedoch sehr schnell vorbei. Man gewöhnte sich an den Ablauf und wusste, wann man sich noch einmal für 20 Minuten in den Schatten legen kann, weil man nichts zu tun hat. Es war wirklich die anstrengendste Zeit, seitdem ich in Johannesburg angekommen bin, aber ich habe es geliebt!
Die Kinder haben mich genauso akzeptiert, wie die anderen Leiter, obwohl ihnen die meisten bekannt waren. Insbesondere die kleineren, mit denen ich mich noch nicht einmal verständigen konnte, weil sie kein englisch sprachen, sind mir besonders ans Herz gewachsen. Ich habe beinahe jede Mahlzeit an einem Tisch voller kleiner Kinder verbracht, mit denen ich noch nicht einmal reden konnte, während die anderen Leiter an einem eigenem Tisch saßen. Ich weiß nicht, was es war, aber es hat mich gereizt, einfach nur mit den Kindern zu sein, egal, wie viel dabei rumkommt. Ich habe mich auf einmal gut gefühlt, beinahe selbst wieder wie ein Kind.
Das Essen hat sich im Allgemeinen einen eigenen Absatz verdient. Es war fabelhaft. Es wurde viel Wert auf Abwechslung und Gemüse gelegt. Die Küchencrew, die täglich für uns gekocht hat, war außerdem grundsätzlich pünktlich, sodass wir gut mit unserem Programm vorankamen. (Das lernte ich allerdings erst im Seniors Camp zu schätzen, davon später mehr.) Jeder sollte für das Camp eigenes Besteck mitnehmen. Das wurde auch getan, am ersten Abend hatte jeder noch eine Schüssel und einen Löffel zum Essen. Mit der Zeit gingen aber mehr und mehr Dinge verloren, sodass wir teilweise mit drei Leitern über einem Teller saßen und mit den Händen aßen. Es war fabelhaft, weil sich einfach niemand beschwert hat! Im Gegenteil, wir hatten alle Spaß dabei.
Hier, gerade, wo ich nun schon zurück bin, würde die Mehrheit meiner Bekannten so ein Verhalten ablehnen. Ob es nun wegen Viren oder der Hygiene im Allgemeinen sei.
Dort war es anders. Man hat den Teller genommen, den man gefunden hat und wenn jemand nichts hatte, dann teilte man. Na und?
Am Ende hat sich übrigens alles wieder angefunden. Es gab also keine bleibenden Sachschäden.
Die Handarbeiten hatten für mich rückblickend eine besondere Bedeutung. Es war mein Projekt. Diesmal konnte ich einfach das machen, was ich für richtig hielt, ohne mich anderen Vermittlungskonzepten zu beugen oder lang zu diskutieren. Nicht nur die Durchführung, auch die Planung und das Einkaufen für die Materialien lag in meinen Händen. Auf der anderen Seite war ich aber auch verantwortlich für das Gelingen und darum gab ich mir (unbewusst) besonders Mühe.
Wir hatten 4 Projekte:
1) Pappmaché Schüsseln
2) Freundschaftsbänder knüpfen
3) Teelichthalter
4) Papierbasteln
Die Pappmaché Schüsseln habe ich wirklich unterschätzt. Es gab eine riesengroße Sauerei wegen des Mehls und des Wassers, was später in der ganzen Halle verteilt wurde, aber das Endergebnis nach einem Tag des Trocknens und Anmalens ließ sich wirklich sehen.
Die Freundschaftsbänder waren dagegen wirklich entspannt zu instruieren. Insbesondere die Mädchen hatten großen Spaß und selbst im Bus auf der Rückfahrt hat man noch Mädchen gesehen, die Freundschaftsbänder geknüpft haben. Das hat mich auch an mich selbst erinnert, weil ich ebendiese Technik in einem Kirchencamp erlernt habe, als ich 9 Jahre alt war.
Die Teelichthalter waren im Grunde nur alte Marmeladengläser, die mit bunter Folie beklebt wurden. Einfach, günstig und schnell. Und als dann die ganzen Kinder mit ihrem Glas in der Hand im Dunkeln standen und man nur viele kleine Lichter sah, machte mich das ganz sentimental.
Das Papierbasteln einen Tag vor der Abreise war nichts sonderlich Großes. Die Kinder konnten einfach Handpuppen falten oder malen, je nachdem, wie sie wollten. Es war ein letzter Ausklang und ich wollte die Kinder einfach mal das machen lassen, was sie wollten. Ganz ohne Anweisungen.
Bevor die Camps begannen, hatte ich mir erhofft, dass hier endlich die Interaktion mit den Kindern zu Stande kommt, die ich mir von Anfang an gewünscht habe.
Meine Erwartungen wurden sogar noch übertroffen.
Es drehte sich alles darum, den häufig unterprivilegierten Kindern die schönste Zeit des Jahres zu machen - auch wenn dies manchmal bedeutet hat, dass es keinen Schlaf gab, weil wir planen mussten. Aber so anstrengend es auch war, es hat Spaß gemacht. Es hat mich und auch die anderen Leiter innerlich erfüllt und wir hatten Freude an unserem 20-Stunndn Job.
Alles, was man an Liebe gab, bekam man in zehnfacher Ausführung zurück, manchmal auch nur durch ein Kinderlachen.
Erst im Nachhinein habe ich erfahren, wie viele Kinder HIV-positiv sind. Viele darunter auch Vollwaisen.
Bis heute habe ich Schwierigkeiten, damit umzugehen. Die Lebenserwartung dieser Kinder liegt bei 40 Jahren. Viele von ihnen haben also schon ein Viertel ihres Lebens hinter sich, ohne es ansatzweise zu wissen. Es tut weh, sich vorzustellen, wie dieses Kinderlachen irgendwann verstummen, sterben wird. Wie aus einem unbefangenen kleinen Menschen, der aufgeweckt im Wasser planscht, ein Erwachsener wird, vielleicht von der Gesellschaft ausgegrenzt, ohne Perspektive oder Lebensmut.
Natürlich, es muss nicht so kommen. Die Forschung ist weit, es gibt Medikamente und durch Aufklärung im Land lernen die Menschen, mit HIV-Positiven umzugehen.
Doch trotz allem, dieser bittere Nachgeschmack bleibt.
Gastaufenthalt bei Stephanie
Zwei Tage, nachdem ich aus dem Camp wiedergekehrt bin, stand der dreitägige Gastaufenthalt bei Stephanie an. Steph kannte ich aus dem Austauschprogramm des vergangenen Jahres. Bereits in dieser Zeit habe ich für zwei Tage bei ihr gewohnt, sodass ich die Umgebung und auch die Familie zumindest vom Sehen her kannte.
Steph lebt mit ihrer Familie auf einer Art Bauernhof, außerhalb von Johannesburg in der Nähe von Pretoria. Es ist ein Anwesen auf dem Land, das sich sehr von meiner eigentlichen Wohngegend unterschieden hat.
Es war ungewohnt für mich, in ein so anderes Leben zu kommen. Die Familie war weiß und vom Verhalten eher so, wie eine Familie aus Deutschland. Die Eltern halfen Steph und ihren zwei Schwestern bei den Hausaufgaben, die Mutter war Hausfrau und kochte jeden Tag frische gesunde Sachen. Im Nebenhaus haben die Eltern der Mutter gewohnt und alles war irgendwie etwas zu idyllisch.
Auch wurde ich daran erinnert, dass wir ja schon bald Weihnachten haben. Der Baum aus weißem Plastik war bereits aufgebaut und beschmückt. Darunter lagen dutzende Geschenke in bunten Papier, umgeben von Süßigkeiten und Nüssen. Dieser Anblick war mir befremdlich und ich wusste nicht genau, was ich damit anfangen sollte. Natürlich, in meiner Familie wird auch jedes Jahr ähnlich Weihnachten gefeiert, aber hier hat es gar nicht zum Kontext gepasst.
Steph und ich hatten eine schöne Zeit. Wir sind ins Kino gegangen, schwimmen bei ihrem Onkel im heimischen Pool und haben allerhand Mädchengespräche geführt. Es war schön mal wieder jemanden um mich zu haben, der ungefähr in meinem Alter ist und aus einem mir ähnlichem kulturellen Kontext stammt. Mit den Mädchen aus Soweto konnte ich schwieriger reden, weil sich für die Zwanzigjährigen alles um feste Partnerschaft und die erste Unabhängigkeit drehte. Irgendwie war ich da schon...
Mir fiel auf, wie geschlaucht ich von dem Camp war. Andauernd war ich müde und habe die Stille ganz anders wahrgenommen. Sie war etwas Besonderes.
Am 23. Dezember, einen Abend vor dem deutschen Weihnachtsfest, haben uns Stephs Eltern zu einer „Christmas – Dinner – Party“ mitgenommen, die jährlich durch eine Freundin der Familie einberufen wird. Ich dachte, es sei nichts Großes und bin ohne Erwartungen ins Auto gestiegen.
Was ich jedoch gesehen habe, lag mir noch Tage später schwer auf dem Herzen. Wir waren eingeladen bei einer Familie der absoluten südafrikanischen weißen Oberschicht. Das Haus war riesig, es gab einen beheizten und beleuchteten Pool in dem Garten, der aus mehreren Etagen bestand. Ich sah ein Pony und erfuhr durch Steph, dass es sich hierbei um nichts weiter als das Haustier handelt.
Am Einfahrtstor, umgeben von Stacheldraht, saß ein Schwarzer, der denn ganzen Abend das Tor per Fernbedienung auf und zumachen musste. Er durfte nicht mitessen.
Die Küche und auch die Vorbereitungen wurden von einer einzelnen schwarzen Haushälterin übernommen.
Auf der Party fanden sich mehr als zwanzig Familien mit Kindern ein. Die Frauen trugen elegante Cocktailkleider und waren hübsch zurechtgemacht. Es gab Sekt zum Empfang und später dazu Häppchen. Das Abendessen bestand aus vielen kulinarischen Spezialitäten, das Meiste davon hatte ich noch nie gesehen oder konnte mit den englischen Begriffen nichts anfangen.
Es waren kaum Jugendliche da und Steph und ich hatten Zeit zu reden. Sie erzählte mir davon, wie schlecht es ihr ginge, Teil dieser Oberschicht zu sein, wo so vieles „unecht“ und „snobistisch“ sei. Sie meinte, auf solchen Ereignissen dürfe man nicht einfach mit jeder Person sprechen, man müsse Vorgeschichte und Ruf der Familie kennen, um den eigenen zu bewahren.
Mir wurde ganz unwohl. Wieder wollte ich zurück zu meine Gastfamilie in Soweto, so wie bei meinem ersten Ausflug nach Pretoria/ Midrand. Diesmal hatte ich jedoch Steph, die ein offenes Ohr für meine Ansichten und Gefühle hatte.
Den Abend habe ich überstanden, natürlich.
Es war ja auch nicht schlimm, gefährlich oder schmerzlich, es war nur so unangenehm Teil dieser Gesellschaft zu sein. Es war befremdlich zu hören, dass mir Räume angeboten wurden, weil „das Leben in Soweto mit den Schwarzen“ eine „absolute Zumutung“ sei. Ich habe wieder gefragt, ob die Leute denn selbst einmal dort gewesen wären. Doch die Antwort war natürlich ein klares und erschrockenes „Nein, viel zu gefährlich!“
Hatte ich wirklich nur Glück? Mir ist nichts passiert. Ich wurde nicht ausgeraubt, ich wurde nicht angemacht, ich geriet in keine unverfängliche Situation. Ist das wirklich eine so große Ausnahme, dass beinahe alle Weißen, die ich getroffen habe, sich nicht unter dieses Volk mischen wollen?
Weihnachten
Es gefällt mir selbst nicht, das sagen zu müssen, aber Weihnachten war wirklich eine emotionale Katastrophe.
Es wurde am 25. Dezember gefeiert, mit der engsten Familie im Hause der Großmutter. Ich hatte mich wirklich auf vieles eingestellt. Schmerz, Heimweh und Sehnsucht, aber mit dem Gefühl der Wut hätte ich nicht gerechnet.
Wir wurden gegen Mittag von Thabiles Tante abgeholt, die uns zur Großmutter gefahren hat. Man muss dazu sagen, dass solche Familientreffen äußerst selten anfallen. Es hat mich ein wenig an Deutschland erinnert, wo sich viele Familien nur zu Weihnachten und einigen runden Geburtstagen einfinden.
Ich rechnete also mit einem freudigen Wiedersehen, mit vielen Geschichten aus alten Zeiten, natürlich auch mit irgendeiner Art von Andacht oder Gottesdienst, schließlich ist mein Gastvater Pastor und die ganze Familie höchst gläubig.
Mir wurde schon mitgeteilt, dass es ein Braai geben wird, der südafrikanische Ausdruck für „Grillen“. Als wir ankamen wurden von den Frauen, natürlich inklusive mir selbst, Salate vorbereitet und das Fleisch mariniert.
Das war wirklich der spektakulärste Teil des Tages.
Gegen 14 Uhr waren die Vorbereitungen abgeschlossen und alle fanden sich im Wohnzimmer ein. Der Fernseher wurde angeschaltet und dabei gegessen.
Es war still. Es war nichts zu hören, als das Gemetzel auf der Mattscheibe.
In mir trug ich die Hoffnung, dass nach drei Stunden „Gladiator“ der gemütliche Teil des Fests beginnen würde.
Das war aber nicht der Fall.
Es folgten zwei weitere Filme. Beide in Rambo-Manier: viel Blut, viel Schießen, viel Schlagen.
Irgendwie hat das die letzten weihnachtlichen Sentimentalitäten langsam aber sicher abgetötet. Nachdem drei Leute vor dem Fernseher eingeschlafen waren und das Essen beinahe vollkommen vertilgt war, wurde beschlossen, den Heimweg anzutreten.
Den ganzen Tag über wurde nicht gesprochen, selbst auf der Autofahrt fühlte sich niemand in Stimmung dazu, irgendeine Art von Konversation zu betreiben.
Obwohl mein Gastvater Pastor ist, wurde übrigens nicht einmal ansatzweise über den Sinn von Weihnachten oder dem Christkind gesprochen.
Selbst das Tischgebet wurde zur Feier des Tages ausgelassen.
Es hat sich angefühlt, wie das ultimative Anti-Weihnachten – zumindest für meine Verhältnisse.
Seniors Camp
Das Seniors Camp war vor allem eines: anstrengend.
Diesmal war ich wieder im Sport- und Spieleteam, allerdings mit 7 anderen Leitern und zudem nun auch mit der Aufgabe anvertraut, 90 Jugendliche zwischen 13 und 23 Jahren glücklich zu machen. Mir ist aufgefallen, wie dankend die Kinder jede Idee der Beschäftigung angenommen haben, ohne großartig zu kritisieren oder zu nörgeln.
Bei den Älteren war das nun ganz anders. Oft wurde mein Team und ich als parteiisch eingestuft, auch wenn wir uns noch so sehr bemühten, ein Gruppenspiel so neutral wie möglich anzuleiten.
Auch die Absprache war nicht mehr ganz so einfach. Oft saßen wir noch nachts gegen 23 Uhr in einer Besprechung, weil wir uns aufgrund von Übermüdung und Einfallslosigkeit einfach kein gutes Programm für den nächsten Tag ausdenken konnten. Und selbst dann, wenn einmal eine Idee in die Runde getragen wurde, waren wir schon so erschöpft, dass wir das Konzept dreimal hören mussten, bis wir es alle ausnahmslos verstanden.
Zu allem Überfluss waren wir nun auch in Kabinen mit den anderen und hatten nicht mehr unser eigenes Zimmer. Und „Kabinen“ hatte hier eine ganz andere Bedeutung, als noch im Juniors Camp. Für alle Mädchen, ca. um die 45, gab es einen großen Raum mit über 30 Hochbetten. Stille war ein Wunsch, mehr nicht. Noch um 3 Uhr morgens, zwei Stunden, bevor die Leiter wieder aufstehen mussten, wurde immer noch geschnattert. In der ersten Nacht habe ich geweint. Nicht, weil ich traurig war, sondern eher aus Wut und Stress. Ich war überfordert mit all den neuen Namen und Gesichtern, hatte keine Ahnung von unserem Alltag, war verdammt müde vom ersten Tag und nun auch noch Schlafentzug. Letztendlich habe ich mir einen Schal um den Kopf gebunden und meine Kapuze aufgesetzt, um den Lärm von meinen Ohren fernzuhalten. Es wurde besser. Ich gewöhnte mich an alles.
In diesem Camp wurde sehr viel getanzt. Nicht so wie mit den Kleinen auf eine kindliche, hüpfende Art, sondern richtig ernst mit traditionellem Hintergrund. Ich kam mir meistens etwas blöd vor, weil ich grundsätzlich aufgefallen bin. So gut es ging wurde mir aber alles gezeigt und habe mich gegen Ende auch nicht mehr für meine Unfähigkeit geschämt. Es war einfach nur lustig.
Das Programm war ganz ähnlich aufgebaut, wie auch beim Juniors Camp, nur dass es eine Stunde mehr Freizeit gab und das Abendprogramm dafür eine Stunde länger andauern musste.
Da das Küchenteam allerdings prinzipiell in Verzug war, kam es auch manchmal vor, dass wir erst um 19 Uhr anfingen zu essen und das Abendprogramm aufgrund von Erschöpfung ausfallen musste. Es war unterschiedlich, aber alle wussten, dass Zeiten nicht eingehalten werden.
Das wirklich schöne an diesem Camp war, trotz aller Anstrengungen, dass ich den Leitern noch einmal näher gekommen bin. Ich hatte tolle Gespräche, wunderbare Abende und viele lustige Momente.
Drei Tage vor Abfahrt wurde ich darauf hingewiesen, dass ich mich mal lockern machen müsse. Anscheinend bin ich die ganze Zeit gestresst von einem Ort zum nächsten gerannt, ohne mein Leben zu genießen.
Anstatt also den Teamleiter zu mimen, habe ich es betont „locker“ angehen lassen. Und siehe da: alles hat funktioniert wie immer. Mein Team war zwar etwas verwirrt, aber letztendlich ging es mir besser und mir wurde überhaupt erst einmal klar, in was für einem Abenteuer ich gerade stecke. So viele interessante Personen, so viele Meinungen, so viel Freude. Alles hier und um mich herum.
Allerdings sind mir auch negative Dinge aufgefallen. Es wurde gelästert, sehr viel. Es war schlimmer als in der Schule. An jeder Ecke standen (insbesondere) Mädchen und haben über dies und das gesprochen. Meistens war es einfach nur lustig, ab und an aber auch beleidigend und ich wollte wieder Kinder um mich herum haben, die zwar auch übereinander redeten, es aber nicht einmal halb so gehässig meinten.
Die Abreise war trotz allen wunderbaren Erfahrungen weder traurig, noch schwer. Im Gegenteil. Ich freute mich auf ein paar Momente für mich, ganz ohne Menschen um mich herum. Dadurch, dass das Camp kleiner war und wir insgesamt mehr als 100 Jugendliche waren, gab es keine einzige Minute des Alleinseins. Das ist zwar aufregend, aber manchmal nervenraubend.
Gastaufenthalt bei Sabeehah
Sabeehah, die ich ebenfalls von meinem vorherigen Aufenthalt in Südafrika kannte, wollte auch noch ein paar Tage mit mir verbringen, bevor ich mich wieder auf den Weg nach Deutschland machte. Im Gegensatz zu Ayla und Steph, war sie nicht weiß, aber indisch, was in Südafrika als „eigene Rasse“ anerkannt wird.
Sie lebte allerdings nicht in Soweto, sondern in Lenasia, einer Art Township nur für Inder. Wir beschlossen, dass ich gleich am Tag nach dem zweiten Camp zu Sabeehah fahre, um dort vier Tage mit ihr und ihrer Familie zu verbringen.
Lenasia liegt nur maximal 10 Kilometer von meinem Wohnort entfernt, aber selbst wenn man nur die Straßen betrachtet sieht es aus, als wäre man in einer vollkommen neuen Region.
Es gibt viel mehr Hochhäuser, die Schriftzeichen sind teilweise arabisch, überall gibt es Moscheen und die Menschen auf der Straße sehen indisch aus, was für mich bedeutete, dass sie eine andere Hautfarbe und eine andere Haarstruktur haben.
Sabeehahs Eltern sind nach Südafrika gekommen, als sie selbst noch sehr klein waren. Trotzdem sind noch einige kulturelle Wurzeln im Alltagsleben verankert. Die Eltern sprechen unter sich eine indische Sprache, die Sabeehah und ihre zwei Schwestern zwar nicht sprechen, aber verstehen können.
Die Familie wohnt in einem Drei-Zimmer-Apartment. Es war zwar bescheiden, doch mit Liebe eingerichtet, wodurch ich mich gleich zu Beginn wohlgefühlt habe. Sofort aufgefallen ist mir, dass die familiäre Interaktion hier groß geschrieben wurde. Es wurde zusammen gegessen, der Abend wurde zusammen verbracht und auch die folgenden Tage bestanden hauptsächlich aus einem netten Beieinandersein.
Wir haben auch die Großfamilie besucht, die sich in Lenasia aufgehalten hat. Dabei bin ich in ein gigantisches Fettnäpfchen getreten. Ich musste ein langes Gewand, einen Schal und ein Kopftuch tragen, da mir anvertraut wurde, die Familie, zu der wir gingen, sei betont konservativ muslimisch. Also bin ich in meiner neuen (Ver-)Kleidung als erstes durch die Tür gegangen und habe nach „schwarzer“ Manier die Familie herzlich umarmt und meinen Frohmut über das Dasein ausgedrückt.
Im Nachhinein wurde mir gesagt, dass solch ein Verhalten absolut unangebracht war und ich als Unbekannte der Familie noch nicht einmal die Männer und älteren Frauen anschauen durfte. Dumm gelaufen, aber warum wurde mir das auch nicht früher gesagt?
Noch eine Sache, die mich erstaunt hat, war die Essenskultur. Es durfte nur mit der rechten Hand und Daumen, Zeige- und Mittelfinger gegessen werden. Ich bekam zwar einen Löffel, doch die Portionen waren sehr klein, weil es unheimlich lange dauert, beispielsweise Reis mit den Fingern zu essen. Anstatt also alles mit vier Löffeln in mich hineinzuschaufeln, begann ich auch mit drei Fingern zu essen und es war wirklich kniffelig. Trotzdem, es hat Spaß gebracht und die Familie hatte einen Grund zu lachen. Die Stimmung war immer wieder gut, wenn ich meine Tischmanieren unter Beweis stellte!
Außerdem habe ich durch diese Familie eine ganz neue Ansicht bezüglich des Themas Rassismus bekommen. Der Vater meinte in ruhiger und trotzdem gespannter Tonlage: „Zur Zeiten der Apartheid waren wir zu schwarz und nicht gut genug, um mit den Weißen auf einer gesellschaftlichen Ebene zu leben. Nun, nach der Apartheid, wo die Schwarzen wirtschaftlich und moralisch gefördert werden, sind wir zu weiß und haben all diese Vorteile nicht. An uns denk keiner, wir sind andauernd dazwischen.“
Ja, wie wahr. Seit über zehn Wochen wurde ich konfrontiert mit Rassismus und dem Kampf zwischen Schwarzen und Weißen. Ich habe gehört, wie sich Angehörige beider Gruppen gegenseitig beschimpfen und Klischees pflanzen, anstatt sie zu vernichten. Nun saß ich diesem Mann gegenüber, schaute in seine Augen und erblickte diese tiefe Verzweiflung des Übersehenwerdens. Er tat mir Leid. Und das alles nur, weil seine Haut weder hell noch dunkel war. Ja, tatsächlich, insofern war er dazwischen.
Die letzten Tage in Soweto
Meine letzten Tage in Soweto waren traurig. Ich habe viel geweint und mir die schönen Momente in Afrika in Erinnerung gerufen. Rückblickend betrachtet ging die Zeit so schnell herum, weil all die harten Momente wie automatisch ausgeblendet wurden.
Es tat weh, all die Leute zum letzten Mal zu sehen. Jeder Abschied war wieder eine Überwindung.
Am Montag vor meiner Abreise wurde im Haus von Abe, meinem Mentor, eine große Abschiedsfeier mit allen Camp-Leitern organisiert. Leider war dieser Abend viel zu schnell vorbei und ich hatte gar keine Gelegenheit, mich von jedem einzeln zu verabschieden.
Einen Tag vor meiner Abreise nahm Abe mich dann noch mit zu einer Tour durch Soweto mit seinem Auto. Er hat mir über historische Hintergründe und persönliche Erfahrungen erzählt, für mich war das jedoch vordergründig eine Chance, um jedem Winkel dieser großen Stadt Lebewohl zu sagen. Es tat ein wenig weh, aber ich wusste, ich würde wiederkommen.
So war es dann auch am Flughafen. Viele Leute sind noch einmal - entgegen meinen Erwartungen und Informationen – zum Terminal gekommen um mich zu verabschieden. Wie das nun einmal so ist, mussten wir so lange auf unsere Getränke im Flughafencafé warten, dass ich erst zehn Minuten bevor mein Gate schloss, durch die Passkontrolle gekommen bin. Aufgrund von Hektik, Adrenalin und Euphorie hatte ich gar keine Möglichkeit, noch einmal Tränen zu vergießen. Bei der Verabschiedung bin ich stattdessen wie eine Verrückte im Kreis getanzt und habe mit herzlichen Umarmungen und lauten Zurufen meine neuen Freunde verabschiedet.
Ich habe mich schon mit dem Gedanken befasst, mein Flugzeug zu verpassen, weil ich so spät dran war, doch nach einem Sprint quer über den Flughafen bin ich dann trotzdem als Vorletzte zum Gate gekommen.
Als das Flugzeug abhob, wurde mir erst bewusst, was hier gerade passiert war.
Ich bin nun nicht mehr da, in Soweto, bald auch nicht mehr in Afrika. Ich werde wieder zurückmüssen, in den Alltagstrott, in die Routine. Ich werde wieder Freiheit haben, dafür aber auch Verantwortung und Pflichten. Die Entscheidungen müssen nun wieder von mir, nicht von einer Gastschwester getroffen werden. Ich werde zurück sein. Bald schon.
Es platzte aus mir heraus, ich habe geweint, gewinselt, geschrieben und geschlafen. In London sah ich die vielen Weißen, so modisch, so „hip“, irgendwie anders. Ein wenig ernster, ein wenig hektischer. Männer in langen Mänteln mit Aktentaschen aus Leder, die auf ihre goldene Uhr am Handgelenk schauten.
Ich saß beinahe zwei Stunden auf meinem Platz, habe nicht gegessen oder Musik gehört, sondern nur beobachtet. Ich versuchte mich, wieder an all dieses zu gewöhnen. An die Menschen, wie sie aussagen, sich bewegten, sich artikulierten.
In Hamburg am Flughafen kam es mir vor, als sei ich nie weggewesen. Die Aufregung war nicht so gigantisch, wie ich sie mir nach einigen Tagen in Afrika vorgestellt hatte. Zwar hatte ich starke Probleme mit meinem Deutsch, aber sonst war alles so unerwartet normal.
Als ich meine Familie mit einem Schild und Silvestertröte erblickte, war ich angekommen. Ich war wieder da. Noch immer war alle viel zu viel, Reizüberflutung, auch irgendwie eine Liebesüberflutung.
Aber es war okay. Ich war wieder zu Hause.

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