Ein Drittel meines Aufenthaltes ist beinahe rum und eine gesunde Routine beginnt einzusetzen. Noch immer entdecke ich täglich neue Details an meiner Nachbarschaft, noch immer lerne ich neue aufgeschlossene Menschen kennen, aber es hat sich ein gewisser Rhythmus ein gespielt, der hauptsächlich durch die Zeit auf der Arbeit dominiert wird.
Dort habe ich nun auch meine endgültigen Aufgabenbereiche zu geteilt bekommen. Ich bin nun verantwortlich für die Erstellung der Website für Youth Alive Ministries, dem Education Support Programme, das im Grunde wie eine Hausaufgabenhilfe funktioniert und zudem für meinen persönlichen Lieblingsbereich: kreatives Arbeiten mit den 5 bis 14-Jährigen. Und gerade dort wird mir jeglicher Handlungsspielraum überlassen, solange die Materialien einfach zu besorgen und möglichst günstig sind.
Im Moment läuft die Vorbereitung noch immer sehr theoretisch ab, weil in der Schule momentan die Jahresabschlussklausuren geschrieben werden und die meisten Eltern vernünftigerweise ihre Kinder dazu bewegen, nicht zum Spielen zu uns zu kommen.
Doch spätestens Mitte Dezember, wenn es zu den Camps geht, kann ich dann meine Ideen umsetzen und Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen aufnehmen.
Die Website macht mir da schon größere Probleme. Ich habe mich noch nicht einmal ansatzweise damit beschäftigt, wie man eine Internetpräsenz erstellt oder überarbeitet und da ist nicht gerade gerne gesehen wird, wenn ich vor dem Computer sitze, um zu recherchieren, muss ich mich wohl mal über dritte Personen bei YAM schlau machen, die gerade Grafik Design studieren.
Was bisher wesentlich zu kurz gekommen ist, sind die Fotos. Zwar habe ich schon einige Dinge aufgenommen, allerdings stellt das Hochladen hier eine Herausforderung dar und darum habe ich beschlossen, diesen Eintrag vorrangig einer eingehenden Beschreibung zu widmen, die zumindest teilweise Bildmaterial ersetzen soll.
Fangen wir an mit dem Teil von Soweto, den ich jeden Tag sehe. Meine Nachbarschaft, den Arbeitsweg und die gängigsten Dinge, die dort passieren.
Sobald Thabile und ich morgens zwischen 7:30 Uhr und 8:15 Uhr das Haus verlassen, sehen wir eine mittelständische Wohngegend. Das heißt, vor unserem Haus gibt es eine gepflasterte Straße, die Häuser sind gestrichen oder gefliest und haben meistens einen kleinen Hinterhof. Alles wird entweder durch einen Zaun, einer Wand oder Stacheldraht umgeben. Um zu unserem Taxi zu kommen, gehen wir über einen kleinen Spielplatz, eine Fläche mit rotem festgetretenen Staub auf dem mehrere bunte Spielgeräte stehen. Unter anderem auch eine Schaukel, deren eine Befestigungskette durch Überlastung durchgerissen ist. Aber die Kinder haben einen Weg zur Reparatur gefunden, indem sie das fehlende Kettenglied mit einer Schulkrawatte überbrückt haben. Was für ein Erfindungsreichtum! Wir gehen vorbei an einer Schule, die von einem hohen Zaun umgeben wird. Im ersten Moment denkt man, die Schule sei eine Art Gefängnis, da die Fenster durch Gitter begrenzt sind und die verschiedenen, länglichen Backsteinhäuser in Reihe und Glied nebeneinander stehen. Doch sobald es zur Pause läutet und laut schreiend Kinder auf die Grasfläche vor den Gebäuden rennen, vergeht dieser Eindruck.
Die Straße zum Taxi ist links und recht mit Schutt übersät. Da sind Glassscheiben, Plastiksäcke, Backsteine oder auch mal Schubkarren und Schuhe. Das Erscheinungsbild wechselt regelmäßig.
Inmitten dieser mit Schutt behäuften Grünfläche sieht man einen alten grauen Teppich mit einem Haufen von Reifen. Was im ersten Moment nach Reifenmüll aussieht, ist in Wirklichkeit eine Art Unternehmen. Ab Mittag sitzen dort zwei Männer, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, alte Reifen zu sammeln, diese mit Schuhcreme schwarz zu färben und dann weiterzuverkaufen. Als ich das gehört habe, war ich geschockt, weil gerade auf einer heißen Straße im Sommer ein abgenutzter Reifen sehr gefährlich sein kann. Ich fragte, warum niemand diese Leute anzeigt, weil sie schließlich die Sicherheit anderer gefährden und daraus Profit ziehen. Die Antwort lautete, dass man die Männer nicht wieder in die Arbeitslosigkeit drängen will.
Auch wenn wir nicht lange zu Fuß gehen, werden wir regelmäßig gegrüßt. Einige Leute, so sagte mir Thabile, kennt sie dabei gar nicht. Aber die Grußformel: „HalloWiegehtesdirMirgehtesgutWiegehtesdirWiewardeinTagmeinTagwargutUndwiewardeinTagsoMeinerwarauchgut“ bleibt gleich und wird aus Höflichkeit immer wieder genant.
Nach einem zehnminütigen Fußmarsch im gemütlichen Tempo erreichen wir eine zweispurige Straße, an der sich Thabile durch ein bestimmtes Handzeichen bemerkbar macht, das bestimmt, in welche Richtung sie fahren möchte. Man kann das so sehen wie unsere Nummern, die an den Bussen stehen und angeben, welche Route sie fahren werden. Ein Autobus hält nach maximal 30 Sekunden Wartezeit an und nimmt uns mit. Diese Autobusse können ganz unterschiedlich aussehen. Einige sind großräumig und klimatisiert, die Mehrheit aber rostig, mit Schaumstoffsitzen, die keinen Überzug mehr haben und eigenhändig anmontierten Extra-Sitzplätzen, die sich zur Seite klappen lassen, damit man überhaupt Platz hat, um den hinteren Part des Autos zu erreichen. Prinzipiell läuft Musik. Mal laute afrikanische Musik, seltener Klassik oder in den meisten Fällen House. Manchmal wurden zusätzliche Lautsprecher anmontiert, sodass die Füße vom Bass anfangen zu vibrieren.
Mir persönlich gefallen diese alten heruntergekommenen Modelle besser, auch wenn mir manchmal allein das Motorengeräusch Angst macht. Allerdings ist man sich notgedrungen näher und es entsteht eine Interaktion zwischen den Mitfahrenden. Bezahlt wir durch das Stille Post Prinzip. Man gibt das bestenfalls abgezählte Geld dem Vordermann mit der Erläuterung, ich welchen Bezirk man fährt. Der Fahrer gibt dann während der Fahrt Wechselgeld, das nach hinten gereicht wird. Fahrkarten gibt es nicht. Zumeist kostet eine Fahrt, die gerne mal eine Stunde dauern kann, 50 bis 60 Eurocent.
Die Fahrten im Taxi sind immer aufregend, auch wenn sich die Route nicht ändert und wir täglich denselben Weg fahren. Man sieht viele Frauen, die ihre Babys in einem Frotteehandruch auf den Rücken gebunden haben, Männer, die in kleinen Gruppen am Straßenrand sitzen, Obsthändler, die am Straßenrand einen Tisch aufgebaut haben und zusätzlich auch Haar zum Einflechten verkaufen, Kinder, die auf dem Weg zur Schule längst überfällig sind und ihre Krawatten binden. Auf der Straße laufen Zeitungshändler und im Laufe des Tages Eisverkäufer, die Lauthals ihre Ware anprangern. Lauthals müssen sie auch sein, da aufgrund der Taxidichte jeder Fahrer versucht, sein Taxi möglichst voll zu bekommen. Das geschieht durch Hupen im 10-Sekunden Takt, um die nötige Aufmerksamkeit zu gewinnen. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich viele Wände, die mit Werbung bemalt sind. Ich nehme an, das ist hier ein Ersatz für Litfasssäulen oder auch für die normalen Werbeplakate, die es hier nur sehr selten zu finden gibt. Diese Malereien sind oftmals simpel, aber wirkungsvoll. Kupane Funerals 011-9321200 oder einfach auch nur Converse mit dem dazugehörigen Stern. Täglich aufs Neue schockieren mich die weißen Buchstaben auf schwarzen Untergrund, die sagen Safe Legal Abortion, Sicherer Legale Abtreibung, mit der dazugehörigen Telefonnummer. Einige Häuser am Straßenrand, die genauso aussehen wie alle anderen, haben einen Schriftzug in roter Farbe, der Surgery angibt. Manchmal sind diese Gebäude sehr heruntergekommen, haben eine abgebröckelte Fassade und einen windschiefen Zaun, der von Backsteinen umgeben ist und ich frage mich, ob in solchen Räumen Abtreibungen von statten gehen.
Unsere Fahrt geht weiter und ich sehe Frauen, die Dinge auf ihrem Kopf balancieren, ganz klischeehaft ohne dabei ihre Hände zu benutzen. Teilweise sind die zu balancierenden Dinge riesig, wie gigantische Einkaufstaschen. Aber selbst die älteren Frauen bewahren Haltung und trotten gemütlich ohne das geringste Zeichen von Erschöpfung.
Wenn ich besonderes Glück habe, dann läuft uns eine Pferdekutsche über den Weg. Ehrlich gesagt frage ich mich, wieso hier einige Leute noch Kutschen haben, da der Verkehr auf den Straßen selbst für Autos chaotisch und alles andere als tierlieb ist. Ab und an sieht man eine Rauchschwade am Straßenrand und ich zucke noch immer zusammen, obwohl mir erklärt wurde, dass hier das Gras runter gebrannt wird, damit sich nachts keine Kriminellen darin verstecken und Leute überfallen können. Im Allgemeinen fühle ich mich hier sehr sicher, obwohl oft über die Kriminalität gesprochen wurde. Thabile sagte mir, dass das zum einen an der Gegend liege, in der wir arbeiten bzw. leben, zum anderen werde ich einfach prinzipiell sehr gut beschützt. Selbst zur Mittagszeit benutzen wir nur Hauptstraßen und gehen nach 20 Uhr nicht mehr raus. Öfter wird man hier angesprochen, ganz unverbindlich mit einem „Hello, how are you?“, allerdings in der Landessprache, und meistens entsteht daraus ein kleines Gespräch. Für solche Fälle haben Thabile und ich uns eine zweite Identität für mich überlegt. Diese soll ich immer dann anwenden, wenn Thabile die Leute nicht ganz sauber vorkommen und sie misstrauisch ist, dass sie uns verfolgen könnten. In diesen Fällen bin ich Angela, aus Kempton Park. Das ist eine Gegend in der Nähe von Johannesburg, in der Weiße nicht ganz so ungewöhnlich sind. Wenn ich also angesprochen werde und Thabile gibt mir ein bestimmtes Zeichen, dann benutze ich diese Identität. Sobald ich dann sage, woher ich komme, ebbt das Interesse merklich ab und die Leute kümmern sich wieder um ihre eigenen Geschäfte.
Jeden Morgen, kurz bevor unsere einstündige Fahrt zur Arbeit beendet ist, kommen wir an einem kleinen Fluss vorbei. Selbst in 50 Metern Entfernung riecht man ihn und das liegt nicht an einer empfindlichen Nase, sondern an der Tatsache, dass er unheimlich verschmutzt ist. Wenn man einen Blick auf das Gewässer wirft, sieht man eine großflächige weiße Schaumschicht in Regenbogenfarben. Mir wurde erklärt, dass dieser Fluss durch große Teile Johannesburgs fließt und keinen richtigen Namen hat. In den sehr armen Gegenden, in der die Menschen mit 10 Personen in einer Wellblechhütte leben, trinken die Menschen dieses Wasser und benutzten es auch sonst als Lebensquelle. Bisher bin ich erst einmal an einem solchen Gebiet vorbei gefahren, als wir auf dem Weg nach Johannesburg City waren. Es ist wirklich so, wie man es aus diesen Spendenwerbungen kennt. Viele Wellblechhütten auf einem Haufen, die Abdeckungen teilweise nicht Wasserdicht, mit schmalen Schneisen, die als Wege dienen. Gleich an meinem dritten Tag hat mich Thabile zu einem Museum über Afrika gebracht, in dem solch eine Hütte nachgebaut wurde. Es war wirklich unheimlich und ich spürte tiefe Traurigkeit, als ich darüber nachdachte, wie viele Menschen wohl unter diesen Bedingungen wohnen müssen. Manchmal ganz ohne staatliche Unterstützung oder irgendeine Art von Perspektive. Dagegen habe ich ausgesprochenes Glück, bei einer so wohlsituierten Familie zu wohnen, die sich nicht einmal ansatzweise Sorgen um ihre Existenz machen muss.
Weil ich schon öfter gefragt wurde, möchte ich an dieser Stelle noch einmal für alle deutlich machen, dass Soweto nicht grundsätzlich heiß ist und ich mir auch noch keinen einzigen Sonnenbrand eingeholt habe.
Das liegt daran, dass hier momentan der Übergang zwischen Frühling und Sommer und somit die Regenzeit für dieses Gebiet ist. Allerdings ist diese Gegend in Südafrika im Allgemeinen nicht so heiß wie ein Großteil des restlichen Kontinents.
Wenn ich morgens das Haus verlasse, sehe ich meistens keine einzige Wolke und die Sonne brennt auf der Haut. Doch spätestens gegen 14 Uhr kommen die ersten Wolken und bisher hat es alle ein bis zwei Tage geregnet wie in Hamburg. Mit lautem Gewitter und Blitzen – eben das volle Programm. Das ist der Grund, weswegen ich grundsätzlich eine Regenjacke bei mir habe, lange Hosen trage und meine Röcke meist im unteren Drittel des Koffers blieben.
Ich bin glücklich darüber. Als ich Deutschland verlassen habe, war es bitterkalt für einen Oktobertag und die laue Wärme in Afrika mit gelegentlichen Abkühlungen hat die Umstellung erleichtert.
Ein kleiner Einblick in Soweto müsste nun meiner Ansicht nach gegeben sein, auch ganz ohne Bilder. Wenn es irgendetwas gibt, was ihr unbedingt wissen wollt, dann schreibt einfach einen Kommentar. Vielleicht übersehe ich ja interessante Dinge, einfach, weil ich mich an sie gewöhnt habe.
Und ja, falls ihr es vielleicht vermisst haben solltet, kommt nun eine kleine Enttäuschung.
Löwen gibt es in Soweto nicht.

Wie die Zeit vergeht,aber es ist beeindruckend
AntwortenLöschenwie du das alles schaffst trotz anfänglicher
kleinen Stolpersteinen ,ich glaube wir können
in unser modernen Welt uns noch viel lernen
wenn der mensch nur das notwendigste zum leben
hat und das ist schon eine bewunderung wert das du
damit so schell klar kommst und neue Dinge entdeckst die wir nur aus dem "WOCHENSPIEGEL" im
Fernsehen kennen es ist einfach toll weiterhin
viel Erfolg bei all den Ideen und viel Erfog
auch wenn nicht alles so klappt:) Alles gute
dein Vater und bleib gesund
Hallo Laurienchen,
AntwortenLöschendu beschreibst alles so ausführlich.Danke dafür.
Bilder konnen nicht besser erzählen.
Ich kann mir sehr gut vorstellen wie dein täglicher Arbeitsweg aussieht.
Fragen habe ich im Moment keine.
Die Idee mit der zweiten Idendität scheint sich bewährt zu haben.Klasse!!!
Ich freue ich schon auf deinen nächsten Blog.
Weiterhin viel Spaß.
Liebe Grüße auch an Thabile von deiner Mama
Hallo liebe Lauriene!
AntwortenLöschenEndlich auch einmal einen Gruß aus dem regnerischen Hamburg (gruselig, wir wären heut sooo gern mal über den Hamburger Dom gegangen) von Sylvia und Jürgen :-). Wir verfolgen deine Berichte mit großer Neugier, großem Interesse und sind zu dem Ergebnis gekommen: du machst es einfach super und wenn wir es so sagen dürfen, wir sind stolz auf dich. Mach weiter so...
Wenn man/Frau beamen könnte -wie bei "Raumschiff Enterprise"-, würden wir dich gern mal für ein paar Stunden oder auch Tage besuchen, um selbst zu erleben, was du so ausführlich und spannend beschreibst. Wir freuen uns schon auf deinen nächsten Blog und wünschen dir noch ganz viel Spaß, gutes Gelingen und überhaupt all das, was du dir wünschst und vorstellst.
Ganz liebe Grüße, fühl dich geknutscht :-) und bis zum nächsten Mal