Mittwoch, 18. November 2009

Auf Entdeckungsreise

Noch immer entdecke ich täglich neue Dinge und lerne neue Menschen kennen. Insbesondere das Wetter überrascht mich hier in letzter Zeit immer wieder aufs Neue. Wo ich an einem Tag in Rock und Top beinahe eingegangen wäre, regnet es am nächsten Tag bei nasskalten 13°C, sodass ich mich an meine Heimat erinnert fühle. Das ist dann wohl die Regenzeit!
Doch es gibt interessantere Dinge als das Wetter.
Mein letztes Wochenende ist definitiv eine Erzählung wert. Thabile und ich sind gleich am Freitag nach der Arbeit zu ihrer besten Freundin, Debbie, gefahren. Sie wohnt mitten in Johannesburg, was für uns eine lange und abenteuerliche Fahrt mit einem überladenen klapprigen Taxi über die Autobahn bedeutete. Ich habe mir nicht allzu sehr von diesem Zusammentreffen erhofft, da es offensichtlich war, dass ich das fünfte Rad am Wagen sein würde. Thabi und Debbie hatten sich seit Wochen nicht mehr gesehen und viel auszutauschen. Außerdem sind beide 27 Jahre alt und ihr Interessengebiet liegt woanders, als meines. Unser Freitagabend war dementsprechend ruhig und auf afrikanisch. Wie gesagt, ich hatte damit gerechnet und es war kein Drama für mich.
Am Samstag ging es dann jedoch zu einer Geburtstagsfeier von Debbies Cousine. Um genauer zu sein, es war ein 21. Geburtstag, was in Südafrika mit unserem 18. Geburtstag gleichzusetzen ist. Die Feier war in Rustenburg (Rustenberg?), eine weit entfernt gelegene Ortschaft. Vielleicht ist es sogar eine Stadt, ich weiß es nicht genau. Belehrt mich gerne.
Wir brauchten zwei Stunden mit dem Auto und ich habe eine komplett neue Gegend gesehen. Wir sind an vielen Wellblechhütten vorbei gefahren, es war eine sehr arme Gegend. Auf meine Frage, wo diese Menschen arbeiten würden, weil sie so weit weg von der Stadt wohnten, meinte Debbie, dass die Mehrheit hier arbeitslos und von der Regierung unterstützt wird. Viele junge Mädchen werden hier schwanger, um dadurch zusätzlichen Unterhalt vom Staat zu bekommen. So entsteht ein Teufelskreis, weil die vielen Kinder in so schlechten Verhältnissen geboren werden, dass sie keine gute Schulausbildung bekommen, unmotiviert sind und wieder wie ihre Eltern enden.
Diese Tatsache hat mich zum Nachdenken gebracht und die Autofahrt wurde recht still.

Debbies Mutter hingegen wohnt in einem Dorf, weit abgelegen von Pretoria, Südafrikas Hauptstadt. Um zu ihrem Haus zu kommen musste man mit dem Auto kleine Pfade mit Schlaglöchern entlang fahren, vorbei an Ziegen und Kühen. Als wir ausgestiegen sind, traute ich meinen Augen nicht. Im Vorgarten standen Papaya –, Pfirsich- und Avocadobäume. Soweit das Auge reichte sah man nur grüne Grasflächen, in weiter Entfernung andere Häuschen und im Hintergrund eine Berglandschaft. Man hörte die Vögel zwitschern und der Wind blies einem sanft ins Gesicht.
Dieses Leben war so anders als das in Soweto, wo die Häuser dicht an dicht stehen und man in der Ferne Taxihupen hört. Auf einmal begriff ich, wieso wir den Kofferraum mit Lebensmitteln vollgeladen haben, als wir in Johannesburg losfuhren. Es war einfach kein Supermarkt in unmittelbarer Nähe. Wir waren nur sehr kurz an diesem Platz, doch die Stunde, die wir dort verbrachten, war sehr interessant für mich. Es war eine andere Seite von Südafrika, weit entfernt vom hektischen Stadtleben.
Doch wir waren noch nicht am Ziel, die Geburtstagsfeier war in einem anderen Haus, eine weitere halbe Stunde von unserem Standpunkt entfernt.
Als wir ankamen, sollte die Feier eigentlich schon im vollen Gange sein, doch – allgemein bekannt – in Afrika gilt die afrikanische Zeit, und wir waren mit die ersten Gäste. Es gab ein großes, zum Kleid des Geburtstagskindes ausgeschmücktes Festzelt und sehr viel (!) zu essen. Eine Tante sagte mir, man rechne mit ungefähr 500 Personen. Dementsprechend sahen auch die Töpfe und Schalen mit Essen aus. Alles wurde selbst von Hand vorbereitet. Ich nehme an, dass es so ähnlich wie bei der Hochzeit meines Gastbruders war, wo Tanten, Cousinen, Großmütter und Nachbarinnen schon zwei Tage vorher anfingen, das Essen zuzubereiten.
Anstatt einer Geschirrspülmaschine standen den ganzen Tag lang ein halbes Dutzend Frauen vor einer großen Schüssel mit Wasser und wuschen Geschirr ab, da nur eine begrenzte Stückzahl vorhanden war. Mich hat diese Disziplin absolut begeistert! Anstatt sich selbst einen schönen Abend zu machen, haben diese Frauen stundenlang abgewaschen, ohne dass ihnen dabei das Lachen auf den Lippen verging. Ich dachte bei mir, ich sollte mir wirkliche in Beispiel daran nehmen und nach dem Mittagessen meinen Teller und Besteck sofort abwaschen. Was für eine Inspiration!
Nach dem Mittagessen kamen die Reden, allesamt auf Sotho, die insgesamt 90 Minuten gedauert haben. Und 90 Minuten können sehr lang sein an einem 28°C heißen Tag, wenn man Menschen zuhört, die man nicht kennt und deren Sprache man nicht versteht. Aufgelockert wurden die Ansprachen immer wieder durch Lieder und Tänze. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass es kein Programm oder so etwas gab. Wer etwas sagen wollte, der sagte etwas. Ein Mann kam sogar zwei Mal nach vorne, anscheinend hatte er etwas vergessen.
Als es schon langsam begann zu dämmern, gab es dann schließlich Abendessen. Thabi und Debbie haben mich seltsam angeschaut, als ich ihnen sagte, ich würde gerne noch etwas essen, weil wir schon zum Mittag da waren, aber ich konnte nun einmal nicht anders! Ich war zwar nicht mehr hungrig, aber diese ganzen Dinge, die ich nicht einmal benennen kann, waren so speziell und exotisch, dass ich sie einfach probieren musste, obwohl ich beinahe geplatzt wäre.
Gegen 20 Uhr verließen wir die Veranstaltung. Ich habe mich gewundert, dass wir so früh gingen, doch eine Tradition verlangt es, dass eine Tochter der Mutter immer etwas zu Essen von einer Veranstaltung mitbringt. Das soll zeigen, dass die Tochter keinen Unfug getrieben hat, sondern wirklich bei einer Festlichkeit war. Wir haben also einen Umweg zu Debbies Mutter gemacht und dort ein wenig Fleisch mit Reis abgeliefert und blieben prompt für eine weitere Stunde. Nun begriff ich langsam, wieso wir so früh gegangen sind. Gegen 1 Uhr sind wir vollkommen erschöpft bei Debbie angekommen und haben noch etwas getratscht, bevor wir einschliefen.
Dementsprechend sah auch unser Sonntagmorgen aus. Wir haben ausgeschlafen und sind nicht zur Kirche gegangen, sondern haben uns den Fernsehgottesdienst angesehen.
Nach einem ausgedehnten Frühstück sind Thabile und ich wieder mit dem Taxi nach Soweto gefahren, um zur Arbeit zu gehen, denn, wie jeden Sonntag, fand der Seniors-Workshop statt.

Doch auch wenn wir diesen Sonntag nicht in der Kirche waren, dafür war unser letzter Sonntag umso phänomenaler.
Wir waren in der Grace Bible Church, das ist die größte Kirche in ganz Soweto. Tausende Menschen, und das meine ich wörtlich, kommen jeden Sonntag dort hin, um ihren Gottesdienst abzuhalten.
Als wir die Kirche, die auf mich eher den Eindruck einer gigantischen Festhalle machte, betraten, habe ich mich erst gefragt, wie hier eine religiöse Stimmung entstehen kann. Ich fühlte mich eher an ein Fußballstadion erinnert. Es gab Platzanweiser und Pfade, die zu den Sitzreihen führten, Lautsprecher kamen von den Decken, große Leinwände waren an den Wänden verteilt, man sah eine Live-Band und einen Chor auf der Bühne.
Doch sobald der Gottesdienst begann, wurde der Raum von einer ganz eigenartigen Stimmung befangen. Die Menschen tanzten zur Musik, hoben ihre Hände, schlossen ihre Augen und selbst ich musste anfangen zu weinen, als wir ein stimmengewaltiges Lied auf Zulu anstimmten. Ich spürte so eine starke Energie, dass ich mich gar nicht dagegen wehren konnte, aber auch nicht wollte. Wir wurden aufgefordert, uns an den Händen zu halten, einander zu umarmen und miteinander zu beten, in einer Gruppe von „vier bis sechs Personen“. Es war so ein interaktives Beisammensein, nicht nur ein stures Sitzen und zuhören. Als die Gemeinde aufgefordert wurde, zu beten, lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich habe bereits darüber bereichtet, dass in „meiner“ Kirche zu Hause laut gebetet wurde. Nun, hier wurde das auch gemacht. Nur dass man nun hunderte Stimmen hörte, die intensiv, klagend oder preisend klangen. Ich bekam eine Gänsehaut und wurde ganz sentimental, ganz leicht angreifbar. Ich war froh, dass ich rechts und links zwei Personen an meinen Händen hatte, die ich täglich bei YAM sehe und sehr gerne mag, sodass ich nicht alleine war und mich wieder stärker fühlen konnte.
Die Erfahrung in Grace war für mich ganz neu und atemberaubend. Ich fühlte mich so gut, als wir die Halle verließen und unser Alltag weiterging.
Vielleicht hatte ich dieses Gefühl nur aufgrund dessen, dass es für mich das erste Mal in so einer Gemeinde war. Ich habe nachgefragt, vielleicht gehen wir noch einmal dorthin, kurz bevor ich Südafrika wieder verlasse.

Mein Arbeitsleben hat sich hier kaum verändert. Das Spiele-Heft ist fertig, aus Pappe habe ich nun ein 52er Kartenspiel gebastelt, mit dazugehöriger Schachtel - natürlich. Als ich die Skizze für die ungefaltete Schachtel auf Pappe gezeichnet habe, wurde ich ein wenig ungläubig angestarrt. Basteln ist hier wohl nicht so sehr angesagt.
Ich weiß nicht, ob dieses Kartenspiel jemals gebraucht wird, aber zumindest gibt es jetzt eines.
Im Büro wird mittlerweile nicht mehr hauptsächlich englisch gesprochen. Erst hat mich das geärgert, weil ich so nicht mehr in der Lage war, an den Gesprächen teilzunehmen.
Als ich dann gefragt wurde, „Lorraine, why are you so quiet?“, warum ich denn so ruhig wäre, gab ich zur Antwort, dass ich nur englisch und deutsch sprechen kann, ansonsten verstehe ich leider nichts. Daraufhin haben alle gelacht und mir versichert, dass ich nun so sehr zum Team gehöre, dass sie manchmal vergäßen, dass ich gar keine afrikanische Sprache verstünde. Wo ich nun auch noch in der letzten Woche ein wenig braun geworden bin, scherzen wir häufig damit, dass ich doch sowieso schon schwarz wäre und mir wird verzweifelt beigebracht, wie eine Südafrikanerin zu tanzen, zu sprechen und zu singen. Alles erfolglos, aber es gibt uns immer wieder einen Grund, uns zu amüsieren.
Was das Essen anbelangt, schlage ich mich allerdings gar nicht so schlecht. Eigentlich bin ich nicht gerade der typische Fleisch-Esser. Manchmal esse ich gerne ein Stück Hähnchenbrust, das war es dann aber auch für gewöhnlich. Hier gehört Fleisch einfach zum Alltag und ich fange an, es wirklich zu mögen. Doch auch sonstige Dinge, wie zum Beispiel Kota, von dem ich ganz am Anfang erzählte, waren erst seltsam für mich und gehören mittlerweile zum Grundnahrungsmittel.
Hier ein kleiner Auszug aus dem Speiseplan meines Aufenthaltes:

Kuhkopf (Kein Gehirn, sondern der Kopf)
Hähnchenleber
Viel Pap (Maisbrei)
Sehr viel Toast mit Pommes
Fatcakes mit gepökelten Fisch, Käse und Leberwurst
Literweise Cola

Besonders Fatcakes gehören hier zu meinem Leibgericht. Man kann sich das geschmacklich vorstellen wie Schmalzkuchen, nur dass er durch die Einlagen, die separat serviert werden, etwas salzig und herzhaft wird. Der Mix klingt etwas komisch, das erste Mal war es ungewohnt, aber nun kann ich gar nicht genug davon bekommen. Wie der Name schon sagt, gehören Fatcakes, aber auch Toast mit Pommes, nicht gerade zu den figurschmeichelndsten Gerichten. Doch das gibt den Leuten von YAM nur umso mehr den Anlass dazu, mich südafrikanisch zu nennen, weil ich nun auch endlich eine afrikanische Figur bekäme. Ich finde es eher lustig, als störend, dass ich zunehme und ziehe es vor, so viel wie möglich mitzumachen. In Deutschland gibt es ja wieder Schwarzbrot, Joghurt mit Früchten oder auch stilles Wasser. Dinge, ohne die ich ohne Probleme auskommen kann, die ich aber trotzdem manchmal vermisse.
Da Ernährung auch immer mit Bewegung einhergeht noch die Anmerkung, dass der Sport im Gym hier ungeheuerlich Spaß bringt. Wenn ich die Schweißtropfen auf meinem Rücken, auf meiner Stirn, an meinem Hals spüre, dann fühle ich mich gut! Ich glaube, dass ich bisher nur selten so fit in meinem Leben war – trotz Fatcakes & Co.

Abschließend noch eine Sache, die mich jeden Tag aufs Neue erfreut.
Wenn ich mit Thabile von der Arbeit nach Hause komme, sehen wir regelmäßig einen Haufen spielender Kinder in unserer Straße. Irgendwann sind sie zu mir gekommen, um mich zu fragen, wie ich heiße. Seitdem ich ihnen meinen Namen gesagt habe, werde ich täglich mit Winken und einem freudigen „Lorraine!“ begrüßt.
Das ist an und für sich keine große Sache, aber innerlich macht es mich glücklich, wenn mich zehn Kinder anstrahlen und mir aus der Ferne zuwinken. Einfach nur, weil ich da bin.

3 Kommentare:

  1. Freude :)

    es ist einfach schön zu lesen, dass es dir immer besser in deiner neuen umgebung geht.

    ich bin schon gespannt auf deine bericht zum camp :)

    lg

    cedric

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Lauriene,
    selbst wenn Du dicke Bücher schreiben würdest ...
    ich würd sie mit Begeisterung lesen.
    Humor, BEobachtung, Erkenntnisse
    ... alles da, was das HErz und der Verstand so brauchen.
    Rolf

    AntwortenLöschen
  3. ..... ach so .... und hat Dir heute jemand was in die "NikolausStiefel" geschoben?

    AntwortenLöschen